Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 48.1931
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 42)
- Language
- German
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über die der Griechen erhoben hat, behauptet er mit dem ganzen Aufklärungsstolz seines Zeitalters32). An Lessings Anschauung stört ihn, daß sie den Fortschrittsgedanken auch auf die religiöse Wahrheit anwendet und damit die früheren Generationen von ihrem vollen Besitz ausschließt. Die für ilm aromatische Gewißheit, daß die zur Glückseligkeil des Menschen erforderlichen Wahrheiten dem menschlichen Geiste immer und zu jeder Zeit erreichbar gewesen sein müssen, verbietet es ihm, die religiöse Sphäre in den Entwicklungsgedanken einzubeziehen. In diesem Bereiche hält er an dem statischen Vernunftbegriff fest und lehnt Lessings dynamischen Vernunftbegriff ab33). In dem Ausgleich dieses Vernunftpostulats mit der Geschichte laßt er eine interessante Wandlung erkennen. Seine Gegenbetrachtungen über Bonnets Palingenesie erkennen an, daß die Entwicklung des Menschengeschlechts mit einem Zustand des Aberglaubens und der Vorurteile begonnen hat, aber auch in diesem Stadium fehlt es den Menschen nicht an den zu ihrer Glückseligkeit unentbehrlichen „Begriffen und moralischer Überzeugimg von den Wahrheiten der natürlichen Religion". Aberglaube und Vorurteil selbst werden dem gemeinen Volke zur Grundlage des Glaubens an die Wahrheiten, deren Beweise ihre ersten Erfinder „innerlich gefühlt haben, ohne sie mittheilen zu können"31). Unter Aberglauben und Vorurteilen versteht Mendelssohn hier offenbar die religiösen Vorstellungen des Heidentums und will auch in ihnen die wichtigsten, Überzeugungen der natürlichen Religion, wenn auch ohne volle Klarheit, wirksam sehen. In dieser beschränkten und abgeschwächten Form nähert er sich hier dem Gedanken Voltaires und Humes, daß am Anfang der Religionsgeschichte nicht der Besitz der Vernunftwahrheit, sondern primitiver Aberglaube steht. Eine spätere Stelle der Schrift lenkt dann wieder zu der älteren Auffassung zurück, daß das Heidentum eine Entartung des ursprünglichen reinen Vernunftglaubens ist, und im Jerusalem gewinnt sie ganz die Oberhand36). Das Postulat allgemeiner Gegebenheit der ewigen Wahrheiten der natürlichen Religion findet hier in der Tat seinen naturgemäßeren Ausdruck. Dieses Postulat selbst ist in der deistischen Literatur so weit verbreitet, daß es für eine spezielle Beziehung Mendelssohns zu Spinoza nichts beweist. Aber kein anderer Vertreter des Deismus hat aus ihm die Konsequenzen Mendelssohns gezogen. Die späteren radikalen Ausläufer des Deismus benutzen es als Grund für die Verwerfung der Offenbarung überhaupt3«). Vorher, solange der Offenbarungsglaube festgehalten wird, bleibt es bei der herkömm- UU