Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 48.1931
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 41)
- Language
- German
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Gott tyrannisch mit seinen Geschöpfen, daß er sie vernichtet und ihren Kamen vertilgt, ohne daß sie ein Unrecht hegungen haben'.*"30)- Die Universalität der Vernunft ist ihm nach alledem mehr noch unter sittlichem als unter logischem Gesichtspunkt bedeutsam, und erst von hier aus wird die Umbildung, die er an dem Vernunftbegriff vornimmt, voll verständlich. In der früher besprochenen mittelalterlichen Tradition stand der Offenbarungswahrheit als universale Instanz die wissenschaftliche Vernunft im Sinne strenger philosophischer Erkenntnis gegenüber. Die religiöse Wahrheit ist als solche unabhängig von der Offenbarung erkennbar, aber nur dem Forscher, nicht dem ungelehrten Volke. Mit einer solchen aristokratischen Gelehrten Vernunft geschieht dem sittlichen Bedürfnis Mendelssohns nicht Genüge. Er verlangt für die religiösen und sittlichen Grundwahrheiten eine Erkenntnisquelle von allgemeiner Zugänglichkeit. Hier hat sein Glaube an die gesunde oder natürliche Menschenvcrnunft ihre Grundlage. Man tut ihm unrecht, wenn man ihm zumutet, er habe den gesunden Menschenverstand zum Richter in der Wissenschaft machen wollen. Für die Wissenschaft und insbesondere die Metaphysik verlangt er die volle Strenge methodischer Beweisführung und vertritt gern die Sache deutscher Gründlichkeit gegenüber französischer Oberflächlichkeit31). Die schlichte Menschenvcrnunft ist ihm nicht eine wissenschaftliche, sondern eine religiöse Erkenntnisquelle. Sie ist dazu bestimmt, die religiöse Gewißheit von der wissenschaftlichen Metaphysik und ihren Schulstreitigkeiten unabhängig zu machen. Es ist dieselbe Tendenz, die bei Rousseau zur Basicrung der Religion auf das Gefühl, bei Kant zu ihrer Begründung in der praktischen Vernunft führt. Zu einer solchen grundsätzlichen Loslösung von der intellektualislischen Auffassung der Religion kann es bei einem Aufklärer wie Mendelssohn nicht kommen. Für ihn bleibt die Religion Sache der theoretischen Erkenntnis. Aber er sucht das gleiche Ziel auf der Grundlage des intellektualislischen Religionsbegriffs zu erreichen, indem er innerhalb der Verstandessphärc die schlichte, jedem Menschengeist innewohnende Vernunft zum Träger der religiösen Wahrheit macht. Hier hat auch Mendelssohns Widerspruch gegen Lcssings Gedanken einer Erziehung des Menschengeschlechts seinen eigentlichen Grund. Gegen die Idee des geschichtlichen Fortschrittes überhaupt richtet sich Mendelssohn nicht. Daß in der intellektuellen Sphäre ein solcher Fortschritt stattfindet, daß sich die moderne Wissenschaft und nicht zum wenigsten die Philosophie weit U3