Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 48.1931
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 39)
- Language
- German
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gegen die Möglichkeit, metaphysischo Wahrheiten auf dem Wege der Offenbarung mitzuteilen. Die religiöse Vernun ftwahrheit ist für beide das ausschließliche Besitztum der Vernunft selbst, eine neben ihr bestehende Offenbarung kann darum nicht Wahrheils-, sondern nur Gesetzesoffenbarung sein. Den formalen, fast schon formalistischen, Einwänden Mendelssohns gegen die Möglichkeit offenbarter Religion liegt freilich ein _ tieferes religiöses Motiv zugrunde, von dem aus seine Beziehung zu Spinoza nochmals zu erwägen sein wird. Sein eigentlicher Widersland richtet sich nicht sowohl gegen die Möglichkeit wie gegen die Notwendigkeit einer religiösen Offenbarung. Die für das Heil der Menschen notwendigen Wahrheiten der natürlichen Religion und die in ihnen gegründeten Lehren der Sittlichkeit müssen allen Menschen gleich zugänglich sein. Es ist mit dem Glauben an die Güte Gottes unvereinbar, anzunehmen, daß zur Erkenntnis dieser Wahrheiten eine Offenbarung erforderlich gewesen sein soll, die einen partikulären Charakter hat und einem großen Teil der Menschheit unzugänglich bleibt. „Ich glaube also nicht, daß die Kräfte der menschlichen Vernunft nicht hinreichen, sie von den ewigen Wahrheiten zu überführen, die zur menschlichen Glückseligkeit unentbehrlich sind, und daß Gott ihnen solche auf eine übernatürliche Weise habe offenbaren müssen. Die dieses behaupten, sprechen der Allmacht oder der Güte Gottes auf der anderen Seite ab, was sie auf der einen Seite seiner Güte zuzulegen glauben. . . . Zudem macht man durch diese Behauptung die Notwendigkeit einer übernatürlichen Offenbarung allgemeiner als die Offenbarung selbst. Wenn denn das menschliche Geschlecht ohne Offenbarung verderbt und elend sein müßte, warum hat denn der bei weitem größere "Teil derselben von jeher ohne wahre Offenbarimg gelebt, oder warum müssen beide Indien warten, bis es den Europäern gefällt, ihnen einige Tröster zu senden, die ihnen Botschaft bringen sollen, ohne welche sie dieser Meinung nach weder tugendhaft noch glückselig leben können?"25) Das Interesse an der Universalitat der religiösen Wahrheit, das sich in nahezu wörtlicher Übereinstimmung mit diesen Sätzen des „Jerusalem" schon in den „Gegenbetrachtungen über Bonnets Palingenesie" ausdrückt86), führt Mendelssohn dazu, sie ganz für die natürliche Religion in Anspruch zu nehmen. Auch das jüdische Volk besitzt sie nur als Wahrheiten der natürlichen Religion, und sein Sonderbesitz muß einer ganz anderen Sphäre angehören. Mit dieser Auffassung meint Mendelssohn in vollem Ein- 47