Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 48.1931
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 35)
- Language
- German
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politischen Wohlfahrt des jüdischen Volkes hat1-5;. Von einer besonderen Berufung des jüdischen Volkes kann nur in diesem politischen Sinne die Rede sein. Religiös war ihm weder ein Vorzug vor den anderen Völkern zugedacht, noch hat es einen solchen besessen. Die Hebräer waren weder an Wissen noch an Frömmigkeit vor den anderen Völkern ausgezeichnet. Was ihre Erkenntnis angeht, so behauptet Spinoza, daß sie „von Gott und der Natur nur sehr gewöhnliche Vorstellungen hatten", über die sich auch die Propheten Israels nicht erhoben haben, und das gleiche Urteil fällt er auch über ihre Frömmigkeit11). Diese These von dem nur j>oIitischen Charakter der biblischen Gesetzgebung, die Bestreitung jedes religiösen Gehaltes der mosaischen Offenbarung ist es, die, wie bereits erwähnt, in der englischen und deutschen Aufklärungsliteratur immer wiederkehrt. Die religiöse Geringschätzung des alten Testaments in der radikalen Richtung der Aufklärung geht guten Teils auf Spinoza zurück. Diesem Sinn der These Spinozas entspricht auch ihre Begründung. Als das hauptsächliche und entscheidende Argument für den politischen Charakter der Erwühlung Israels führt Spinoza immer wieder die Tatsache an, daß die Bibel an die Befolgung der mosaischen Gesetzgebung ausschließlich diesseitige Verheißungen knüpft und für den Ungehorsam des Volkes nur diesseitiges Unglück, wie den Untergang des jüdischen Reiches, androht, während von dem ewigen Leben als Belohnung für die Gesetzeserfüllung in ihr nicht die Rede ist15). Das Fehlen der Unslerbliclikeilsverheißung im Alten Testament war von der christlichen Theologie seit langem als ein Hauptargument für die höhere Stufe der neuteslamentlichen Offenbarung angeführt worden, und in der Neuzeit hatten besonders die Sozinianer diese Tatsache in den Mittelpunkt ihrer Kritik am Alten Testament gestellt16). Spinoza aber gibt diesem an sich längst bekannten Gedanken dadurch eine ganz neue Wendung, daß er ihn benutzt, um der mosaischen Gesetzgebung den religiösen Charakter überhaupt abzusprechen. Mit seiner These kehrt auch ihre Begründung bei seinen Nachfolgern in der Aufklärungsphilosophie bis zu Kant hinunter durchweg wieder. Mendelssohn konnte sich so wenig wie die Behauptung Spinozas auch ihre Begründung zu eigen machen. Für ihn ist die biblische Gesetzgebung religiöse Gesetzgebung, die als solche selbstverständlich das letzte religiöse Endziel, die ewige Glückseligkeit der Seele, zu, ihrer Absicht hatte. Seine Beweisführung für die Behauptung, 37