Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 48.1931
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2273546-2273641--2373-2276176- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Dali auch Mendelssohns Jerusalem unter der Einwirkungdes theologisch-politischen Traktates steht, zeigt schon die eigentümliche Verknüpfung verschiedenartiger Probleme, die beiden Werken gemeinsam ist. Es kann nicht gut ein Zufall sein, daß Mendelssohn ebenso wie Spinoza eine rechtsphilosophische Begründung des Prinzips der Denk- und Glaubensfreiheit, eine allgemeine Theorie der Religion und eine Theorie des Judentums in einem Werke verbindet. Schon ein jüngerer Zeitgenosse Mendelssohns, Saul Ascher, ist auf den Zusammenhang seiner Theorie des Judentums mit der Spinozas aufmerksam geworden5), und in neuerer Zeit hat man mehrfach auf ihn hingewiesen, ohne ihm jedoch genauer nachzugehen6). In dem Jerusalem selbst freilich ist keine Erwähnung des theologisch-politischen Traktats zu finden. Wenn Mendelssohn in seinen Schriften ausdrücklich auf Spinoz* eingeht, so befaßt er sich fast ausnahmslos nur mit dem philosophischen System der Ethik. In dem [»opulären Bewußtsein lebt Mendelssohn nur als der erbitterte Gegner Spinozas, der im Kampfe mit Jacobi seine letzte Kraft daran setzte. Lessing von dem Verdacht des Spinozismus zu reinigen. Durch das ungeheuere Aufsehen, das dieser Streit machte, ist die Tatsache ganz verdunkelt worden, daß Mendelssohn als erster in Deutschland sich bemüht hat, Spinoza geschichtliche Gerechtigkeit zuteil werden zu lassen'). In seiner Erstlingsschrift, den „Philosophischen Gesprächen", rühmt er ihn als den Entdecker des Gedankens der prästabilierten Harmonie, den Leibniz von ihm übernommen habe8). Auch dort freilich sieht er in dem System, das Spinoza auf dieser Grundlage errichtet, die Aufhebung aller Religion. Es ist ihm ein furchtbarer Irrtum, aber ein Irrtum von geschichtlicher Notwendigkeit. „Ehe der Übergang von der Cartesianischen bis zur Leibnitzianischen Weltweisheit geschehen konnte, mußte jemand in den dazwischen liegenden Ungeheuern Abgrund stürzen. Dieses unglückliche Los traf Spinösen. Wie sehr ist sein Schicksal zu betauern! Er war ein Opfer für den menschlichen Verstand; allein ein Opfer, das mit Blumen gezieret zu werden verdient. Ohne ihn hatte die Weltweisheit ihre Grenzen nimmermehr so weit ausdehnen können".*) Aus diesen Worten spricht ebenso der Stolz des jungen Gelehrten, sich zu vorurteilsloser Würdigung des geschmähten Ketzers zu erheben, wie die Überzeugung, in der Leibniz-Wolffschen Philosophie die Wahrheit zu besitzen, die den sicheren Schutz vor den religionszerstörenden Irrtümern Spinozas gewährt. An dieser Stü