Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 48.1931
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2273546-2273641--2372-2276175- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das philosophische System Spinozas hat bekanntlich erst ein reichliches Jahrhundert nach dein Tode dos Denkers einen stärkeren Einfluß auf die europäische Gcdankenbcwogung auszuüben begonnen. Wohl war ein jüngerer Zeitgenosse Spinozas, Tschirnhaus, von ihm abhängig und hatte ein Denker wie Lcibniz bedeutsame Einwirkungen von ihm erfahren, daim aber bricht diese Wirkung vollkommen ab, und nur in den Köpfen einiger unklarer religiöser Schwarmgeister treten vergröberte und aus ihrem Zusammenhang gerissene Ideen Spinozas auf1). Aber in dieser Zeit, in der die philosophische Entwicklung an der Ethik Spinozas vorübergeht, hat sein theologisch-politischer Traktat die Geschichte der religiösen Aufklärung stark beeinflußt. Die historische Kritik, die er an der Bibel übt, wird von der Literatur des englischen Deismus \iel l>enuUl3), und ist durch sie auch für die französische und besonders für die deutsche Aufklarung ein wichtiger Faktor geworden. Was d«r theologisch-politische Traktat für den Deismus des achtzehnten Jahrhunderts bedeutet, kann hier nicht im einzelnen verfolgt worden. Es genüge auf einen Punkt hinzuweisen, der die Starke seines Einflusses deutlich sichtbar macht. Spinozas Auffassung des Judentums, seine Lehre, daß die mosaische Gesetzgebung keinen religiösen, sondern einen rein {Kritischen Charakter trägt, hat das Bild des Judentums im achtzehnten Jahrhundert entscheidend bestimmt. Sie hat für den englischen Deismus maßgebende Bedeutung gewönnen, und das vierte der Wolfenbültoler Fragmente „Daß die Bücher alten Testamentes nicht geschrieben, eine Religion zu offenbaren", ist in seinen Grundgedanken ganz von ihm abhangig3). Nirgends tritt die Übereinstimmung mit Spinoza charakteristischer hervor als in Kants Anschauung vom Judentum, die sich wie eine kurze Zusammenfassung der 'Theorie Spinozas liest*). Geradewenn man annehmen darf, daß Kant den theologisch-politischen Traktat selbst nicht gekannt hat, zeigt seine Berührung mit Spinoza um so lehrreicher, wie sehr dessen Gedanken in die allgemeine geistige Entwicklung, des achtzehnten Jahrhunderts eingegangen waren. 33