Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 48.1931
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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und er galt daher auch in konservativen Kreisen in rcligionsgcsetzlichcn Fragen als Autorität. Infolge seiner konservativen Einstellung konnte er an der Hochschule nicht den Einfluß ausüben, der seiner hervorragenden Persönlichkeit entsprochen hätte. Er hat sehr oft seine Schüler, die aus einer ihm fremden Umgebung kamen, nicht verstanden und ebenso haben viele seiner Schüler ihn nicht verstanden. Baneth war von der ewigen Wahrheit der jüdischen Religionsgcsclze überzeugt. Er selbst äußerte sich in einem Vortrage*) über den Sinn der jüdischen Gebote wie folgt: „Du fragst . . . nach Zweck und Ziel der erdrückenden Menge von Geboten, mit denen die Religion unser ganzes Leben durchrankt, die unsere Bewegungsfreiheit einschnüren, auf Schritt und Tritt uns Steine des Anstoßes in den Weg legen. Ihr Zweck ist, mit dein Zügel des Gehorsams dich vor tiefem Sturze in die lockenden, mit Blumen überdeckten Abgründe zu wahren; ihr Ziel ist, dich zu innerer Freiheit zu erziehen, auf daß du in allen Kämpfen und Versuchungen die Kraft besitzest, deine Menschenwürde zu behaupten. Denn was du ... in deiner Unerfahrenheit für Steine des Anstoßes hältst, das sind die Wegweiser auf dem schmalen Pfade, der zum Gipfel sittlicher Vollkommenheit führt. Vom Sklavenhause Ägyptens zur Höhe des Horeb, aber nicht zu den Untiefen einer noch schimpflicheren Sklaverei! Das ist ... Zweck und Ziel aller religiösen Übung." Er verstand es deshalb nicht, wie es möglich ist, daß Juden diesen religiösen Geboten im Leben so wenig Bedeutung schenken und von ihnen auch so wenig wissen könnten. Es erging ihm oft wie unserem Lehrer Mose, der es nicht zu begreifen vermochte, wie jemand nur auf den Gedanken kommen könnte, ein göttliches Gebot zu übertreten. So heißt os im zweiten Buch Moses (19, 23): Mose sprach zu Gott: das Volk kann ja nicht den Berg Sinai besteigen, da du uns vorwarnt hast mit den Worten: Umgrenze den Berg und heilige ihn. Trotzdem hat Baneth auf viele seiner Schüler, vielleicht unbewußt, durch seine Herzensgüte und seine überragende Persönlichkeit einen mächtigen Einfluß ausgeübt, da er ihnen als lebendes Beispiel dienen konnte, wie veredelnd die jüdische Lehre auf die Eigenschaften und den Charakter eines Menschen wirken kann. Wio er von vielen seiner Schüler geliebt und hochgeschätzt wurde, so erfreute er sich auch unter seinen Kollegen der höchsten Wertschätzung und Zuneigung. Denn er war ein Mann, dem jede Regung •> Der Sederabend S. 44. 2*