Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 46.1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2273546-2273637--2254-2276055- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Altar zur Spende ausgegossen wurden, flössen sie in die „Schitin", das sind zwei Kanäle am Altar, die zum Abfluß dienten. Diese Schitin aber, sagte man58), existieren seit den sechs Tagen der Schöpfung und führen direkt bis zur Urflut, dem Tehom. Der Akt des Wasserausgießens stellt daher in gewissem Sinne eine Erneuerung des Schöpf ungs werk es dar; wenn die Wasserspende durch die Schitin in die Urgewässer fließt, dann entsteht wieder eine Berührung der Gewässer und die Erfüllung des Psalm Wortes XLII, 8: „Ein Tehom ruft es dem andern zu", so daß die Wassermächte günstig gestimmt werden und den befruchtenden Regen spenden. Es sei hier nur kurz an die verwandte Anschauung erinnert, daß im Mittelpunkt des Tempels der Stein Schetija steht, der seinerseits über dem Mittelpunkt der Erde aufgerichtet ist und die Aufgabe hat, die Urflut zu schließen. Das sind zwei nebeneinandergehende Vorstellungen, die doch beide denselben Gedanken, der Gründung des Heiligtums oder eines heiligen Aktes auf Schöpfung und Urflut, versinnbildlichen. Volz50) hat richtig gesehen, daß in den Symbolen und den Anschauungen, die zum Hüttenfest gehören, gar vieles an einen alten Neujahrstag erinnert; er hat nur diese Auffassung zu weit getrieben und vielfach den Quellen Gewalt angetan, aber man kann sich dem Gedanken nicht verschließen, daß die ursprüngliche Bedeutung der Wasserspende und des damit verbundenen Festes mit uralten mythischen Vorstellungen über Schöpfung und Urflut zusammenhängen. Wie zumeist im Judentum, hat man den mythischen Kern umgebogen oder ihn ganz beseitigt, aber die Mitteilungen der Hagada reichen doch dazu aus, uns mitten in die altertümlichen Gedankengänge hineinzuversetzen und uns ahnen zu lassen, wie hier Bräuche sich gebildet haben, die einst mit den babylonischen Anschauungen von der Tiamat und den Kämpfen der Urelemente in Verbindung standen, wie sie Gunkel in seinem „Schöpfung und Chaos" zum erstenmal im Zusammenhang dargestellt hat. Die Synagoge hat nach der Zerstörung des Tempels gerade von den Symbolen des Hüttenfestes auffällig viel beibehalten. Der Feststrauß wird noch heute verwendet, ebenso finden die Umzüge statt, nur daß sie statt um den Altar um die Torarolle kreisen; am siebenten Tage finden diese Umzüge siebenmal statt, und bei all diesen Umzügen werden noch heute Gebete und Litaneien mit dem alten Refrain „Hoschana o hilf doch" gesungen, die vielfach, namentlich am siebenten Tage, auf die Bitte um Regen abgestellt Ui