Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 46.1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
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großen Weltwunder25). Denn die Ziffern, die uns über den Zustrom von Gläubigen zum Peßachfeste mitgeteilt werden, übersteigen alle Erwartungen. Man muß sich nicht gerade an die Angabe der Tosefta26) halten, daß einst König Agrippa die geschlachteten Passahlämmer zählen ließ und zweimal soviel Hausväter feststellte, wie Israeliten aus Aegypten gezogen waren, daß heißt, i 200 000, was, da man auf jedes Lamm zehn Teilnehmer rechnete, einem Besuch von 12 Millionen Menschen gleich käme. Die Ziffer zeigt ganz deutlich, daß und weshalb sie nach oben abgerundet ist. Immerhin aber besitzen wir bei Josephus27) die Nachricht, daß eine auf Veranlassung des römischen Statthalters der Provinz Syrien, Cestius Gallus, kurz vor Ausbruch des jüdischen Krieges vorgenommene Zählung 2 56 5oo Passahlämmer ergeben habe, was, da um jedes Opfer sich eine Gesellschaft von zehn oder gar mehr Männern vereinigte, eine Ziffer von nicht viel weniger als 3 Millionen Menschen ergibt. Die Darbringung des Passahlammes drängte sich auf eine ganz kurze Zeit zusammen, zwischen der neunten und der elften Stunde des i4- Nisan mußte es vollendet sein. Der Raum im Tempel konnte die Menge nicht fassen. Die Mischna28) führt uns mitten in die Wirklichkeit, wenn sie erzählt: Das Passahopfer wird in drei Gruppen geschlachtet. Es tritt die erste Gruppe ein, die Vorhalle füllt sich, man schließt die Türen der Halle. Ein gedehnter, ein schmetternder und wieder ein gedehnter Posaunenruf! Die erste Gruppe tritt heraus, die zweite tritt ein, und wenn diese fertig ist, die dritte. Sie alle lesen das Halle! (Psalm n3—118). Haben sie es vollendet, so wiederholen sie es; haben sie es wiederholt, so beginnen sie es zum dritten Mal. Aber die Ueberlieferung betont, daß zur dritten Abteilung der Andrang nur noch gering und die Opferhandlung beendet war, wenn man die Hälfte dieser Psalmen gesungen hatte. Nur bei bewundernswerter Organisation und bei heiligem Diensteifer aller Beteiligten war es möglich, diese anstrengende Handlung in den kurzen Stunden zu bewältigen, imd der Ernst, mit dem die Priester selbst in den schwierigsten Lagen ihren Dienst verrichteten, ist auch sonst bekannt29). Mit Anbruch der Nacht zogen die Hausväter mit den Lämmern in ihre Häuser und brieten sie dort für die gemeinsame Mahlzeit. Das Verzehren des Passahlammes im zusammengeschlossenen Kreise der Familie oder der Freunde ist eine der ältesten heiligen Mahlzeiten, von denen das Judentum weiß; sie führt weit in die biblische Zeit zurück, hat aber zur Zeit Jesu bereits ein entwickeltes 32