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Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin · 1929-01-01 · 46.1929 · page 26

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Journal
Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
Volume
46.1929
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 26)
Language
German
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IRI
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den? das war die quälendste Frage für viele Generationen, und die Antwort lautete, wegen des unbegründeten Hasses, mit dem die Menschen und Parteien einander verfolgten7). Allein aus aller Kritik sprach doch nur die Liebe und die Sorge, die Liebe zum Heiligtum, die Sorge ob seiner Entweihung8). Im Bewußtsein des Gesamtjudentums genoß der Tempel uneingeschränkte Wertschätzung als die Stätte, wo des ewigen Majestät thronte, als der Ort der Gottesverehrung und der Entsündigung. Sünde und Sühne sind ein uraltes religiöses Problem9), für das es bis heute noch keine eindeutige Lösung gibt. Ebenso wie die Idee des Opfers, der dankbaren Hingabe des Letzten, worüber der Erdensohn gebietet, auch heute noch unter den Menschen fortlebt und ihre zwingende Gewalt ausübt10)! Die Idee des Tieropfers ist heute im Abendlande überwunden, das Judentum hat sich nach der Zerstörung des Tempels unerwartet rasch mit dem Aufhören des Tieropfers abgefunden und einen beträchtlichen Teil der Gesetzesüberlieferung aufgegeben. Diese innerliche Überwindung ist wahrscheinlich allmählich vorbereitet worden, aber solange der Tempel stand, wurde die alte Ordnung respektiert, der Altar war — wenn wir etwa von den Essäern absehen — für die Gesamtheit des Judentums die Stätte, an der der Mensch von der Befleckung mit der Sünde Sühne suchte und fand11). Zur Stätte des Altars wurde nach altem jüdischen Gebot12) dreimal im Jahre gewallfahrtet, um, wie Josephus es ausdrückt13), Gott für die empfangenen Wohltaten zu danken und ihn um künftige zu bitten, sodann auch um durch engeren Verkehr und gemeinschaftliche Mahlzeiten die gegenseitige Freundschaft zu pflegen. Die Wallfahrt brachte Juden aus den fernsten Gegenden Palästinas und der Diaspora nach Jerusalem. Wievielen war es ein sehnsüchtiger Traum, die heilige Stadt und den Tempel Gottes zu schauen, alle Hoffnung ihres Lebens konzentrierte sich auf diesen einzigen Wunsch! Der Mensch von heute, dem das Reisen so leicht gemacht ist, hat sich diesem Gedanken entfremdet, aber man braucht nur an die Mekkapilger, an die zahlreichen abbessinischen oder, vor dem Weltkriege, russischen Christen, die alljährlich nach Jerusalem strömten, oder an die heutigen jüdischen Bagdader, die zum Grabe Simon ben Jochais scharenweise pilgern, zu denken, um zu verstehen, welche Erwartung und welches Erlebnis eine Wallfahrt nach Jerusalem bedeutete. Hier fühlte man um die Festzeit den Pulsschlag des Volkes, hier begegnete man den Brüdern von den vier 28

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