Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 46.1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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Der Tempel zu Jerusalem lebt in der jüdischen Tradition in der verklärten Gloriole eines zerstörten Heiligtums fort. Der Verlust von Staatlichkeit und Heimat, der Jammer einer langen trüben Leidenszeit werden auf den Fall des Hauses Gottes zurückgeführt. Alle bitteren Klagen der Dichter, alle gepreßten Seufzer der Beter konzentrieren sich auf dieses eine erschütternde Ereignis, den Untergang des Tempels; aller Schmerz über die glänzende Vergangenheit., alle Hoffnung auf eine bessere Zukunft vereint sich wie in einem Brennpunkt in der Erinnerung an das Heiligtum, das nicht untergegangen, sondern nur entschwunden ist, das in lückenloser Vollendung bei Gott im Himmel vorbereitet steht, für jenes Ende der Tage, wo aller Frevel aus der Welt geschwunden und diese vollkommen sein wird, „das Reich des Allmächtigen" zu verwirklichen2). Die christliche Überlieferung ist durch die Gegnerschaft Jesu gegen den Tempel bestimmt worden. Die Tempelreinigung hat den Tempel verdunkelt und selbst gegenüber dem majestätischen Bau, auf dessen Pracht die Jünger das Augenmerk des Meisters lenken, hat dieser eine Antwort, die in der Überlieferung oft wiederholt wird und in der Androhung der Zerstörung des Heiligtums gipfelt3). Die biblische Wissenschaft in ihrer während der vorigen Generation herrschenden Hauptrichtung hat diesen Gegensatz stark unterstrichen4), ohne zu beachten, welch hohe Stellung der Tempel auch im Denken Jesu einnahm, wenn er gerade an ihn schärfste Kritik anlegte. Weil der Tempel ihm das Höchste bedeutete, den Sitz der erhabensten Gottesverehrung, darum packte ihn das Entsetzen, als er ihn durch Händler und Wechsler entweiht sah5). Auch in rabbinischen Kreisen fand man genügend Anlaß, Kritik zu üben über den Mißbrauch des Heiligtums, über Ausschreitungen xind Gewaltakte der Priester6). Welchen religiösen Menschen hätte es nicht niederdrücken müssen, wenn der Tempel in den Mittelpunkt des politischen Tagesstreits rückte, wenn Unrecht und Missetat sich in ihm ausbreitete! Weshalb nur ist der Tempel zu Jerusalem zerstört wor- 27