Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 45.1928
- Date
- 1928-01-01
- Page
- – (sequence 39)
- Language
- German
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der grammatischen Anschauung bildelc, die Sprache zu dem fertigen Singular den Plural, oder ein Kollektivum bildet. Pluralform und Gesamtbedeutung des im Plural Umfaßten sind älter als Form und Bedeutung des Singulars. Kino Analogie läßt uns die jüngere Teilbezeichnung als singularisches Grundwort und das ursprüngliche Grundwort als eine Mehrheit verstehen. Ganz falsch aber ist es, wie es die herrschende Grammatik tut," die Wirkung dieser Analogie noch auf jene Wörter auszudehnen, vor denen sie selbst Halt gemacht hat: Die Abstrakta, die Adverbia und überhaupt alle Pluralia tan tu in nichtpluralischer Bedeutung. Sic sind Uestr des alten Zuslandes und der Ausgangspunkt jeder historischen Erklärung. Und es geht nicht au zu fragen, wie der Singular «!>v:i zu „vorn, Gesicht" oder zu Q'&m „Erbarmen" gelautet hat Einen solchen Singular hat es nie gegeben. Form undßcdculung aller Wortformen im Semitischen, im Indogermanischen und in j e d e r Sp r a c h e s i n d v o m P1 u ral a us z u e r k Iii r e u , der Singular ist in beiden Beziehungen jünger, nicht da und dort, wo man dies gelegentlich gefühlt haben mag, sondern au allen Worten grundsätzlich und regelmäßig. Aus dieser Erkenntnis, die unsere Betrachtung der sprachlichen Erscheinungen vollkommen umkehrt, ergibt sich eine solche Füllt» neuer, weiterer Erklärungen für so viele bisher nicht oder ersichtlich falsch erklärte Sprachtalsachcn, daß ich mich hier auf wenige Punkte beschränken muß. Aber auch das wenige sollte ausreichen, um zu zeigen, wie alles auf diesen Weg der Entwicklung hinweist. Die Erklärung der Wortbedeutung, die Etymologie, hat, sagte ich, vom Plural auszugehen. Ich schicke voraus, daß wissenschaftliche Etymologie nicht darin besteht, zu zeigen, daß ein Wort, etwa Teil mit einem andern, wie teilen irgendwie logisch zusammenhängt, „weil ein Teil eben beim Teilen entsteht". Zur wissenschaftlichen, historisch - psychologischen Erklärung des Bedeutungswandels ist es vielmehr nötig, jenen Fall aufzusuchen, in dem das eine Wort in jener anderen Bedeutung verslanden werden mußte'). *) Daß diese historisch-psychologische Erklärnugsweisn zu anderen uY.sullalen führt als das Aufsuchen logischer Verwandtschaft, lehre folgendes dra.sti.sche Beispiel. Das semitische schatöt „unten" bezeichnet u. a. das „Unten" eines Hauses, sein Fundament, und das des Körpers, den „Unterleib". In der alten Bedeutung unten konnte es aber z. B. auch einer gebrauchen, der ins Tat hinab zur Tränke ging. Er sagte: ich geh© nach unten „lischtöt". Der änderet aber sah ihn gehen „iu trinken". Und so hat „lischtöt" in dor Tat auch die Bedeutung „zu trinken". Denselben Obergang zoigl z. B. auch arab. warada (= hebr. TV) hinabgehen, zur Tränke kommen. Logisch aber haben Fundament, Unterleib und Trinken nichts gemein. ///