Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 45.1928
- Date
- 1928-01-01
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2273546-2273635--2198-2275998- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
die Frühe", ist nichts anderes als eine lautliche Entwicklung des» Adverbs „morgen, frühe" und ist in seiner Geschichte Hauptwort geworden. Die Sprachwissenschaft aber geht vom fertigen Substantiv „der Morgen" aus, das Adverb erklärt sie als dessen erstarrte Kasusforin. Der sprechende Mensch — und noch schlimmer, systematischer die Sprachwissenschaft — ist am Objekt der Sprache orientiert, nicht an deren eigenen Gesetzen, ist auf das Ziel alles Sprechens eingestellt, nicht auf das Werden von den Anfangen her. Daß die Sprache indes nicht von der Wirklichkeit aus durch ßenemiun» entstanden ist, sollten schon die zahllosen Abstrakta, auch der primitivsten Sprachen, lehren, denen nirgends eine Wirklichkeit entspricht. Aber als die allen Mcrkmalsbezeichnungen — wie etwa Platte, Spitze auf Dinge angewendet und so zu Ding na men geworden waren, mußte es scheinen, als ob die anderen Merkmalbezeichmingen gleicher Form und gleichen Gebrauchs — etwa Grö/Sc, Liebe, Gnade — ebenfalls Namen von Dingen, Hauptwörter wären und so hat eine sprachliche Analogie dem Menschen die Abstrakta gegeben, die — wie ich persönlich glaube, nicht ohne Nachteil — sein Denken beherrschen. Die falsche Einstellung zur Sprache, als müßte sie von vornherein ein Spiegel der Wirklichkeit sein, hat durch das fruchtbare Mißverständnis die Sprache erst geschaffen — sie hat aber auch das Problem der Sprachentstehung bisher unlösbar gemacht. Und daneben noch eines: Die Entstehung der Sprache über grammatisch formlose Merkmalwörter mußte notwendig zu Entwicklungsprozessen führen, von denen die Sprachwissenschaft bisher keine Ahnung hatte. Und einen dieser Prozesse will ich im folgenden in Hauptpunkten behandeln: Die Geschichte von Einzahl und Mehrzahl in der Sprache*). Wie bezeichnet die Sprache die Mehrzahl gegenüber der Einzahl, und ist diese Bezeichnung ursprünglich, d. h. von vornherein verständlich? ") Den Inhalt des folgenden habe ich zuerst im Frühjahr i()3<> auf dem Leipziger Oricnlalislcntag und im Herbst desselben Jahres in der Wiener Philosophischen Gesellschaft vorgetragen. Die Grundlhesc ist bei mir seit 291/1 abgeschlossen und mir seitlier nur immer sicherer geworden. 31