Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 45.1928
- Date
- 1928-01-01
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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Auch diese alten Merkmalwürter verdanken ihre einfache Bedeutung erst dem Mißverständnis. Es gibt keine Grundbedeutung, weder des Wortes noch seiner grammatischen Form. Bedeutung gab den sprachlichen Gebilden ihre Geschichte. Der Mensch rief im Affekt oder in Nachahmung eines Geräusches etwa: ha und wies dabei auf die Richtung seines Interesses; ha ward /.um Deutewort für „da". Es ward weiter etwa besonders angewendet, um auf ein vorn oder oben befindliches da hinzuweisen. Der Hörer verstand nicht mehr da, sondern vorn, oben usw. Auf dieselbe Weise beginnt das Kind seine Sprache mit bedeutungslosem Geplapper. Der Hunger treibt es, wenn es essen will, Mund und Lippen zu bewegen und dadurch etwa die Laute tnam mam, ham harn hervorzubringen. Wir Eltern m i Ii verstehen dies ham ham, als hätte es die Bedeutung: Essen, und wir schenken so dem Kinde sein erstes Wort. Diese bedeutungslosen l'rwörter waren nach keinem Formsclu'inu entstanden. Es war dasselbe r.n=zvor, das durch lautliche Entwicklung auch zu prac, pnrro, zw. primus, prior, praeter werden konnte. Aber jede dieser Formen erlebte ihre eigene Geschieht«, lind da sie auf alle Gegenstände des Bewußtseins angewendet wurden, wurden sie mit einem Schlage konkret oder abstrakt, Nomen oder Verbum, Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft, Einzahl oder Mehrzahl, Akkusativ oder Lokativ, weil dies die Objekte sind, als deren Namen wir sie mißverstehen. Und die jeweilige Form jedes Urwortes, das durch seine Geschichte etwa Nomen oder Verbum, Nominativ oder Ablativ geworden ist, bildet den Keim, der durch Analogie zur eigenen grammatischen Form für Nomen oder Verbum, Nominativ oder Ablativ werden konnte und, wenn er gegen andere Analogien sich durchsetzte, auch wirklich geworden ist. Der Mensch besitzt die Sprache und glaubt in ihr die Well zu besitzen. Wie es in der Well Dinge und Vorgänge gibt, so glaubt er, daß auch die sprachlichen Gebilde von vornherein Symbole, Namen dieser Dinge und Vorgänge seien. Dinge und Vorgänge; Nomen und Verbum sind ihm das Zentrum der Sprache und von diesem (historisch) falschen Zentruni aus erscheinen ihm die Unvörtcr als „erstarrte" Kasus eines Nomens*), Infinitive eines Verbums, aus dem fertigen Nomen oder Verbum gebildet durch Anfügung einer sogenannten Adverbialondung. — Ein Wort etwa für „den Morgen, *) In späteren Einzelfällen trilt solche Erstarrung als Rückbildung hie Mini da auf. Der Hauptweg der Entwicklung aber verlauft umgekehrt. 50