Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1927
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 61)
- Language
- German
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diesem Staate mußte früher oder später ausbrechen, um so heftiger, je weniger der Herrscher, diese Personifikation des sichtbaren Staates, dem Ideale entsprach. Er wurde ein dauernder Zwiespalt, als ein nur äußerlich dem Volke Verbundener, Herodes, und dann die Fremden, die römischen Prokuratoren, Gebieter über das Land wurden. Dem gegenüber hat sich die Gemeinde gewiß schon früh organisiert, die Männer, die in den Sprüchen der Väter als die „Paare" erscheinen, sind wahrscheinlich jeweils ihre beiden Häupter gewesen109). Gegen die Familie des Herodes hat sie dann ihre eigene Dynastie sich in der Familie des Hillel geschaffen, welche ihren Ursprung auf das Haus des David zurückführte. Es ist wohl kein Zweifel, daß Hillel der stille Gegenkönig gegen Herodes sein sollte, der Fürst der „Gemeinde", und es ist darum sicherlich ein historischer Kern in der talmudischen Erzählung, daß Jochanan ben Sakkai vor dem Fall Jerusalems vor allem darauf bedacht war, den Sproß der Familie, den künftigen Fürsten zu retten. Wenn das Pharisäertum auch weit mehr war als eine bloße Organisation, so hat es als eine Organisation, die das Volk bei sich wußte, begreiflicherweise nach einem Einfluß im Staate getrachtet. Die alten Berichte lassen erkennen, daß dieses-Streben vor allem auf Geltung in der obersten Gerichts- und Verwaltungsbehörde, dem Synhedrium ging. Die politischen Kämpfe zwischen Pharisäern und Sadducäern hatten jedenfalls das auch zum Ziel. Auch Gegensätze, die sich in der Theorie und der Praxis des Gesetzes ausbildeten, wirkten hier sich aus. Aber es war doch nicht nur das, nicht eine bloße Frage von Geltung und Einfluß. Es handelte sich um ein Ernsteres und Tieferes; denn das Pharisäertum war eben mehr als eine Organisation, es bedeutete in Wahrheit eine heroische Forderung. Der Kampf gegen den Staat war für diese Menschen «in Kampf für Gott und sein Gebot; ein Vergleich mit Erscheinungen aus näherliegender Zeit, vor allem der Puritanerbewegung, verdeutlicht es wieder. Der Staat wird immer durch die Staatsräson bestimmt, sie ist, wie es sich einem unserer Historiker als Resultat seiner Betrachtung ergibt, „die Maxime staatlichen Handelns, das Bewegungsgesetz des Staates"104). Das Pharisäertum ist der heldenhafte geistige Versuch, dem Staate nicht in der Staatsräson, sondern im Gottesgesetze seine Maxime zu geben, die Idee des Staates durch das Ideal der Gemeinde zu bestimmen, ihn, wie Josephus es richtig definiert hat, als Theokratie auszugestalten. 61