Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1927
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 62)
- Language
- German
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Daher die gewaltige Erwartung, der messianische Glaube in diesen Menschen. Je heroischer die Anforderung, desto stärker die Sehnsucht, der Enthusiasmus. Ein theokratisches Ideal ist nicht, oder war damals wenigstens nicht, ohne die messianische Zuversicht denkbar. Die Spannung, der Gegensatz zwischen Ideal und Wirklichkeit war zu groß, als daß eine andere als die heroische Lösung möglich erschien. Den idealen Staat konnte der Messias allein heraufführen, seiner galt es gewiß zu bleiben, ihm seine Gemeinde zu rüsten, die Gemeinde der „Abgesonderten", der peruschim. Dieser messianische Enthusiasmus schied, wie die alten Berichte erkennen lassen, von den Sadducäern, die mit der Staatsräson das Kompromiß geschlossen hatten. Die Pharisäer haben nicht immer das Schwert ziehen wollen, nur einige unter ihnen waren Zeloten, aber jenes Kompromiß haben sie immer unbeugsam abgelehnt, sie haben den „Dämon1' der Staatsräson sich hinwegheben heißen. Und ihre Sehnsucht war um so inniger, da ihnen, wenn sie in dem Staat auch nicht ihren Staat sehen konnten, dieses Land do.ch ihr Land war, dessen Boden ihnen heiliger Boden war, das sie zum Lande der Reinheit, der „Absonderung" machen wollten. Auch über den Staat haben sie gesiegt; er schwand, und sie, nicht nur als Individuen, sondern als Gesamtheit sind geblieben. Das ist Pharisäertum. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß Menschen in ihm, und gerade oft durch seine Eigenart, ihre Mängel hatten. Überall, wo die „Gemeinde" gegen den Staat steht, oder auch gegen die Kirche, die ja auch ein sichtbarer Staat ist, bildet sich leicht ein Konventikeltum, entwickelt sich bisweilen eine Atmosphäre der Eingeschlossenheit. Man kennt dort auch ein Machen von Religiosität, das an die Stelle des religiösen Handelns tritt. Wo ein Ideal der Heiligkeit aufgestellt wird, dort gibt es die Schfeinheiligen auch, die „Gefärbten", wie das Wort des hasmonäischen! Königs, das der Talmud überliefert hat, sie nennt. Wenn die Religion gelehrt werden soll, damit sie dem Volke zum Besitztum werde, dann kann die Religion zur bloßen Beschäftigung mit der Religion werden, und auch Kleinlichkeit und ihre Dialektik wirken sich! dann nicht selten aus. Sicherlich hat es das alles im Pharisäertum gegeben. Wenn wir es nicht von vornherein wüßten, der Talmud erzählt es uns. Aber das Pharisäertum ist das nicht. Sein Weseri ist ein anderes. In ihm ist der großartige Versuch gemacht worden, die Religion ganz zur Religion des Lebens zu machen, des Lebens des Einzelnen und der Gesamtheit, so daß die Religion nicht nur 62