Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1927
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 59)
- Language
- German
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die Werkzeuge des Herodes und der römischen Statthalter waren oder sein sollten, aus eigenem oder übertragenem Recht ihres Amtes walteten, als sie und alle ihre Genossen im Tempel schalten durften, mußte der Gegensatz zu deutlicher Gegnerschaft und bisweilen zu offener Feindschaft werden. Um so bestimmter mußte dann, was die Synagoge zu ihrem Besitztum hatte, von eifernder Liebe umfangen sein. In ihr hatten die Pharisäer ganz ihr Eigentum. Sie sind von ihr geschaffen worden und haben es ihr gedankt durch die Treue, mit der sie zu ihr hielten. Sie haben es bewirkt, daß, als der Tempel wieder zerstört war, auch in Palästina keine Leere und kein Bruch entstand. Es ist wie ein Revolutionäres, daß alsbald, nachdem er in Flammen aufgegangen, einer der Führer des Pharisäertums, Jochanan ben Sakkai, nicht nur theoretisch, sondern praktisch kraft des Rechtes der Verordnung, der Tekana, Wesentliches von dem, was dem Tempel zugestanden hatte, auf die Synagoge und ihre Instanzen übertrug. Es ist wie ein Revolutionäres, daß der Versöhnungstag, der vermöge der eindeutigen biblischen Bestimmung •ein Tag des Tempels und seines Opferdienstes war, nun ein Tag der Synagoge wurde. Es ist wie ein Revolutionäres, daß ein Pharisäer der folgenden Generationen, Simon ben Jochai, die „Schechina", das „Wohnen" Gottes, das fast ein jedes Buch der Bibel mit dem Tempel verknüpft hatte, mit der Synagoge und dem Lehrhaus verband. Aber das alles war in Wahrheit nur eine gegebene Konsequenz. Die vorangegangene Zeit hatte es schon vorbereitet, sie hatte die Antworten bereits gegeben, zu denen diese letzten sich nun fügten. Auf das eine braucht hierfür nur hingewiesen zu werden, daß schon in der Zeit, da der Tempel stand, der Priestersegen in den Gottesdienst der Synagoge hereingeholt worden ist"). Nur äußerlich betrachtet, vollendet erst der Fall des Tempels den Sieg des Pharisäertums. Der Sieg über den Tempel war tatsächlich schon vorher ein endgültiger. Aber es ist ein Eigenartiges: der Tempel in Trümmern wird schließlich einflußreicher als der Tempel in seinem Bestand. In der Zeit, wo er vor den Augen ist, tritt der Gegensatz gegen ihn hervor. Als er auch dem Blicke der Erinnerung entschwunden ist, wird er nach und nach zu einem Sinnbilde der Vergangenheit und damit zu einem Traume von der Zukunft. Es entsteht allmählich eine Romantik des Opferdienstes, und in den Gebetsformeln findet sie ihren Ausdruck100). In der ersten Generation nach dem Untergange des Tempels hatte Jochanan ben Sakkai noch gesagt, daß Israel eine Sühne habe, die so viel 59