Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1927
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 58)
- Language
- German
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konnten sich die Priester berufen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß gerade hiervon das Erfordernis einer Interpretation der Bibel, ihrer Weiterführung im Pharisäertum einen wichtigen Anstoß erfahren hat. Der Gottesdienst der Synagoge mußte sich durch den Midrasch, durch seine „mündliche Lehre" erst erweisen; er mußte durch ihn, wie bereits aufgezeigt, darlegen, daß Gebet und Versündigung der Schrift in Wahrheit die Aboda, der Gottesdienst seien. Auch dadurch gehören Synagoge und mündliche Lehre zusammen. Aber auch das ist begreiflich, wie der Konflikt dadurch sich vertiefen mußte. Der Gegensatz, der im Gottesdienstlichen bestand, mußte in das Theoretische, in die gesamte Begründung der Religion hinuntergreifen. Hierzu trat ein weiteres. Wenn der Gedanke der Absonderung, wie es durch das Pharisäertum geschah, an alle seine Forderung richtete, dann war für eine spezielle priesterliche Absonderung! kein Raum mehr gelassen. Die Idee von „dem Reiche von Priestern und dem heiligen Volk," die Idee, daß allen „das Priestertum und die Heiligung" gegeben sei, vertrug kein priesterliches Privileg. In diesem Worte von der „Heiligung", die allen zukomme, aus dem zweiten Makkabäerbuche, ist es gesagt, daß eben nicht nur die Priester peruschim wären, wie sie ja immer hatten sein sollen, sondern alle im Volk dazu bestimmt seien. Das Pharisäertum, die perischut, die anfänglich eine priesterliche Verpflichtung nur war, war dem ganzen Volke hier zugewiesen98). Man hat damit Ernst gemacht. Vorschriften der Reinheit und Speisevorschriften, die an den Priester allein gerichtet waren, hat man zur Satzung für das Volk werden lassen, und auch hierin hat die mündliche Lehre, im Pharisäertum gegenüber den Priestern, wieder Aufgabe und Gebiet erhalten. Nicht nur ein Priesterrecht war gefordert, sondern priesterliche. Erschwerung auch übernommen. Priestertum und Heiligung wurden vom Volke für sich okkupiert, und damit war der Tempel im Grunde beseitigt. Das Wesentliche oder zum mindesten das Aktuelle des Gegensatzes von Pharisäern und Sadducäern hat deshalb aufgehört, als der Tempel mit seinem Priesterdienst nicht mehr da war. . Seine ganze Schärfe hatte dieser Gegensatz in den Zeiten gehabt, in denen das priesterliche Privileg und die Bedeutung des Tempels zu Instrumenten der Macht mißbraucht worden waren. Als die hellenistischen Hohenpriester, danach die Hohenpriester aus den letzten Generationen der Hasmonäer, dann die Hohenpriester, welche 58