Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1927
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 54)
- Language
- German
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Tempel ein Gegebenes, eine von Gott erwählte Stätte war und so etwas bedeuten sollte, was gleichsam nicht Menschen geschaffen hatten, war die Synagoge ganz eigentlich das Werk von Menschen, sie war von ihrem Willen und ihrem Wirken abhängig. Während der alte Kultus Sache des Volkes war, ist der neue Gottesdienst Sache jedes Einzelnen. Das Individuum gewann durch die Synagoge seinen Platz. Diese Bewertung jedes Einzelnen erhielt nun aber ihre außerordentliche Betonung, fast ihre Vollendung dadurch, daß jeder Einzelne die Thora zu eigen gewinnen konnte. Jeder Einzelne konnte sie in seinem „Munde und Herzen" wissen, so daß er im Namen des Buches Gottes und damit gewissermaßen im Namen Gottes sprechen durfte. Das Wort des Deuteronomiums „nicht im Himmel ist es" gewann jetzt sein ganzes Pathos. Der Mensch konnte sich und seine Erkenntnis der Wahrheit nun auch dem Wunder gegenüberstellen. Seine Erkenntnis gilt nun mehr als ein Bat Kol, eine Stimme von oben9i). Das Wort Gottes, wie es in dem Buche steht, fordert und behält gegenüber allem sein Recht. Das „hier stehe ich, ich kann nicht anders" hat von da seinen stärksten Ausdruck gewonnen. Das Martyrium, an dem diese ganze Zeit so reich ist. besitzt darin auch seine Wurzel; auch das Wissen um die Worte des Zeugnisses hat die Glaubenszeugen geschaffen. Nur wenn dies alles deutlich ins Auge gefaßt Avird, kann das Pharisäertum in seinen Voraussetzungen und seiner Eigentümlichkeit begriffen werden. Durch eines ist die Wirkung des Buches verstärkt worden. Die Bibel erhielt den sakralen Charakter dadurch, daß die Sprache des Tages hier in Babylon und dann später auch in Palästina eine andere, die aramäische, wurde, und das Hebräische, die Sprache der Bibel, so die „Sprache des Heiligen"95) werden konnte. Auch dies trug dazu bei, daß die Bibel die Heilige Schrift geworden ist. Die Distanz des Sakralen, diese Heiligkeit, die hierin gegeben ist, war ihr gewährt; sie war nun auch dadurch über alles Profane erhoben. Und auch denen, die sie besaßen, war etwas davon gegeben. Etwas Sakrales, Absonderndes war ihnen ebenso durch diese Besonderheit der Sprache verheben. Neben der Sprache, Avelche sie mit den anderen ringsumher verband, hatten sie diese, welche von ihnen schied. Aber vor allem war dadurch die Wissenschaft vom Buche ebenfalls verlangt; ihr war der bestimmte Weg" geAviesen. Denn wenn die Bibel das Buch für das Volk sein sollte, dann mußte sie zu seiner Sprache hingebracht, zu seinem Verständnis hingeführt 54