Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1927
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 53)
- Language
- German
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vorher Thora der Priester gewesen war, wurde jetzt die Thora des Volkes. Sie war nun, wie die griechische Bibel das Wort aus dem Segen des Moses überträgt, „das Erbe für die Gemeinden, die Synagogen Jakobs". Durch die Synagoge und ihr Buch ist das Priestertum ganz eigentlich beseitigt worden. Es war allerdings ein teurer Preis, der gezahlt wurde. Denn wenn das Buch zum Buche des Volkes und das Volk damit zum Volke des Buches wurde, dann war nicht nur das Priestertum, sondern doch auch die Prophetie, welche dieses Buch geschaffen und ihr Eigenstes in dasselbe hineingelegt hatte, fortan ganz wesentlich ihres weiteren Platzes, ihrer ferneren Bedeutung enthoben. Sie war jetzt im Grunde überflüssig geworden. Die religiöse Wahrheit entsprang nun diesem Buche; dieses Buch hatte die Obhut über die Reinheit der Quelle. Und wenn dem so war, dann mußte die Prophetie hinter ihm zurücktreten und hinter ihm schwinden. Die religiöse Persönlichkeit erhielt jetzt ihre Geltung nicht mehr oder wenigstens nicht nur durch sich selbst, durch ihre religiöse Kraft, sondern durch ihre Beziehung zu diesem Buche. Das Buch gab jetzt die Beglaubigung. Ein Wort im jerusalemischen Talmud sagt dies deutlich: „Prophet und Schriftgelehrter sind Gesandte Gottes; der Prophet bedarf des Siegelzeichens von Gott, des Zeichens und Wunders, der Schriftgeiehrte bedarf dessen nicht, denn er beweist sich durch die Thora"93). Dieses Wort stellt den Gang und das Ergebnis der Entwickelung richtig dar. Der Prophet wird durch den Schriftgelehrten abgelöst. Die Autorität der Schrift gewährt dem, der sie lehrt, seine Autorität. Es ist dem durchaus entsprechend, wenn das Evangelium seinen Messias nicht nur durch die Wunder, die es von ihm berichtet, bezeugt sein läßt, sondern vor allem durch das Wort des Buches. „Gemäß der Schrift," „damit erfüllt werde, was geschrieben steht," ist hier immer der letzte Beweis. Der freie religiöse Antrieb ist durch diese Entwickelung allerdings nicht gehemmt oder gar aufgehoben worden. Er hat sich auch fernerhin, wenn schon in anderer Weise, auswirken können. Dort, wo der Prophet gewesen, stand jetzt doch nicht nur der Schriftgelehrte, sondern auch der Psalmist und der Dichter des Gebetes. Und vor allem eine starke religiöse Selbstgewißheit, etwas von dem, was in den Propheten gelebt hatte, konnte jetzt wie in der Gemeinde, so in dem Individuum lebendig werden. Schon dadurch war ein Individualismus gegeben, daß die Gemeinde sich auf dem Individuum und den Leistungen seiner Persönlichkeit aufbaute. Während der 53