Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1927
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 52)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2273546-2273633--2148-2275947- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ist dadurch, wie es allem geistigen Überwinden zuteil wird, zu einem Höheren geführt worden. Sie hat sich hier den neuen, den opferlosen Gottesdienst bereitet, sie hat ihr neues Gotteshaus als eiu „Haus des Gebetes" erbaut; der große Prophet aus der zweiten Generation des Exils läßt uns dieses Wort zuerst vernehmen. Die neue Form des Gotteshauses, die sich dann die Welt erobert hat, ist hiermit geschaffen worden. An die Stelle des einen Tempels traten die vielen Synagogen. Wie sehr die Gemeinde und dieses ihr Haus zu einem wurden, zeigt sich daran schon, daß einerseits das Gotteshaus Haus der Gemeinde heißen durfte, und andererseits dasselbe Wort sie wie ihr Haus benennt91). Durch dieses Neue wurde es erst möglich, daß die Gemeinde sich in die Gemeinden zerlegte, daß sich also in dem großen Ganzen die kleineren Gebiete mit ihrem Mittelpunkte bilden konnten, daß so eine organische Gliederung der Gesamtheit erfolgte. Um so stärker vermochte hier jeder Einzelne erfaßt zu werden, da er auch in einen engeren Kreis religiöser Gemeinschaft hineingestellt und mit dessen religiösem Mittelpunkt lebendig verbunden wurde. Während der Tempel nur dem ganzen Volke mittelbar ein Besitztum gewesen war, gehörte die Synagoge jedem in ihm ganz unmittelbar. Gegenüber dem aristokratischen Tempel hat die Synagoge ihr Demokratisches. Jene Intensivierung, die durch die Auslese gebracht worden war, wurde dadurch erhalten; sie blieb ein Stetiges. Die Bewegung des Pharisäertums ist erst hierdurch ermöglicht worden. Sie hatte an der Synagoge ihren Ausgangspunkt und ihren Rückhalt, sie hat ihre Kraft von daher immer geholt. Das Haus des neuen Gottesdienstes gewinnt zugleich seinen Tag. Der Sabbat als „Zeichen zwischen Gott und den Kindern Israels" erhält seine neue Bedeutung. Er wird der Tag des Gottesdienstes, und die Synagoge kann das „Haus des Sabbats"92) auch genannt werden. Und er wird damit zum Tage des „Buches", wie sie zum Hause des „Buches" nun wird. Die Heilige Schrift wird Sabbat um Sabbat im Gotteshause verlesen. Das ist das weitere Bedeutungsvolle, das im Exil geboren worden ist, um dann in die Welt hinauszuwachsen. Die heiligen Schriften sind damit zum Buche des Volkes geworden, zum Besitztum jedes einzelnen, und auch darin vollzieht sich eine demokratisierende Bewegung. Als Buch des Gottesdienstes ist die Bibel kein Geheimbuch und auch kein bloßes Priestereigentum mehr. Wie der Dienst des Gebetes ist der Dienst des Buches allen anvertraut; auch hier ist jeder der Priester. Die Thora, welche 52