Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1927
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 49)
- Language
- German
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Satzungen besitzen und den ganzen Sinn der heiligen Schriften zu erklären vermögen"88). Die Pharisäer haben denn auch mehr als die anderen vor allem im Geistigen ihre Führerpersönlichkeiten! besessen. Wenn gegenüber allen den Namen, die davon Kunde bieten, uns sadducäische Schriftgelehrte kaum genannt sind, so kann es nicht nur daran liegen, daß die Tradition der Zeit schließlich in den Händen der pharisäischen Gelehrten blieb und sie nur ihren Stammbaum aufstellten; denn auch Josephus, der einige wenige, freilich eben nur wenige, Namen pharisäischer Schriftgelehrter angibt, nennt sadducäische Schriftgelehrte nicht. Der Grund ist vielmehr der, daß die Schriftgelehrsamkeit, wie sie aus dem Pharisäertum notwendig hervortrat, so auch im wesentlichen dessen Besitz geblieben ist. Auch sie ist daher, wenn auch nicht ein Sondereigentum, so doch ein besonderes Kennzeichen dieser Richtung. Nach alledem, was so das alte Schrifttum zeigt, tritt die pharisäische Richtung als ein ganz deutlicher und bestimmender Weg in der Entwickelung des jüdischen Volkes hervor. Mit ihrem Beginn, der ihr die Bahn endgültig gewiesen hat, gehört sie in das babylonische Exil hinein; von ihm aus nimmt sie ihren Ausgang, von ihm empfängt sie den Charakter, den Grund und Sinn. In der jüdischen Geschichte bedeutet das babylonische Exil die große natürliche Auslese, die entscheidende Aussonderung, die nur die „Brauchbarsten" übrig ließ. Hier sind die Wenigen viel geworden, weil nur die Starken unter ihnen sein konnten. Der Untergang desi Staates und die Zerstörung des Tempels mußte für die Vielen einei eindringliche Predigt davon werden, daß auch die Götter der Sieger gesiegt hatten, und der Eindruck der babylonischen Welt, die sie dann umgab, mußte auf sie der sein, daß auch die Menschen und die Lebensweiten dieses Neuen mehr waren als sie und ihre alten Formen des Daseins. Die Trümmer auf Zion und die Paläste am Euphrat wirkten gleich stark und in der gleichen Weise. Sie sprachen dasselbe, und die Antwort darauf konnte für viele nur die eine werden, daß man auch innerlich kapitulieren müsse, kapitulieren daher auch vor den "Göttern und Babylon. Die so dachten und handelten, hörten früher oder später auf, Juden zu sein. Aber die, welche übrig blieben, weil sie treu bleiben wollten, diese Wenigen gegenüber den Vielen, waren dafür Menschen, die allem Wechsel der Zeit gewachsen waren; die etwas von der prophetischen Kraft besaßen, immer und überall im Eigenen zu beharren. Nur // 49