Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1927
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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in die andere Welt einzutreten, mochte diese auch oft so bereitwillig sein, sie aufzunehmen. Man muß sich diese Einstellungganz vergegenwärtigen, um die Stärke und die Wirkung der Revolution zu begreifen, die nun für den Juden Europas zu seiner Geschichte und seinem Geschick wurde. Ein Neues begann vor ihn hinzutreten und mehr und mehr ihn zu umgeben, ein Neues, dem gegenüber es nicht mehr möglich war, in der Beziehungslosigkeit zu bleiben, welche sich die Jahrhunderte zuvor als das innere Verhältnis zur Umwelt ergeben hatte. Dieses Neue verlangte die neue Antwort. Er konnte nicht mehr nur das alte Nein sprechen. Da man ihn, vermöge jenes neuen Prinzips anzuerkennen anfing, mußte auch er anzuerkennen beginnen. Die Zeit, wo in Deutschland „Nathan, der Weise" gedichtet wurde, wo Frankreich „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" verkündete, nahm seinem alten Standpunkt den Grund. Er mußte einen anderen Boden suchen, wollte er jetzt seiner selbst und der Welt gewiß werden. Auf das Feld Lessings und Dohms, des Grafen Mirabeau und des Abbe Gregoire, auf das Gebiet der Aufklärung und der fortschreitenden Gesittung, auf diesen Bereich eines Werdenden konnte er nicht mehr herabsehen, wie er es bislang hatte gewohnt sein dürfen und müssen; jetzt mußte er hinausblicken und mußte er bisweilen emporblicken. Die revolutionäre Forderung, für ihn aus ganz anderen Voraussetzungen und zu ganz anderen Folgen hin, erfaßt nun auch ihn, die Forderung des Auszugs aus der bisherigen Einstellung, aus einer bisherigen Art des Denkens und Fühlens. In dieser Welt, die ihm den Platz zuwies, konnte er nicht mehr nur Ausnahme sein. Ein völlig neues Prinzip war jetzt da und verlangte, daß er sich mit ihm auseinandersetze. Es war kein leichtes Gebot. Der neue Auszug war so problemvoll und so aufgabenreich, wie es einst die früheren großen Auszüge der jüdischen Geschichte gewesen waren. Für den Mann, der am Eingange dieser Zeit steht, für Moses Mendelssohn, war die sachliche Schwierigkeit durch ein Persönliches, die wundersame Naivität seines Wesens und die reiche Gunst seiner Erfahrungen, noch ferngehalten oder gemildert. Er war im Frieden seiner gläubigen Persönlichkeit behütet. Aber die Generation nach ihm begann die ganze Not des Revolutionären zu empfinden. Manche entflohen vor dem Problem, die einen, indem sie die eigene Welt, deren Fundament ihnen zu schwinden schien, verließen, die anderen, indem sie vor der neuen Welt, die sie als ein Phantom erachteten, die 23