Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1927
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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sein, aufstellte und der menschlichen Besonderheit ihren Wert zuerkannte. Es war darum auch nur Behauptung und Folgerung von dem, was die Geschichte ihnen seit langem zugewiesen hatte, wenn die Juden Europas überall Vorkämpfer dieser neuen Zeit geworden sind. So lange waren sie die einzigen gewesen, die es abgelehnt hatten, um es mit einem spöttischen Worte Mark Twains zu sagen, den „religious brand", das „religiöse Marktzeichen", sich aufdrücken zu lassen. Jetzt standen in dieser Forderung des Rechtes der Eigenart alle die Menschen einer neuen Welt mit ihnen zusammen. Für sie war das, wofür sie jetzt gemeinsam mit so vielen von den Besten eintraten, kein Neues, dem sie sich nun erst hätten eröffnen müssen. Aber in einem anderen hat diese Zeit der Wende ein neues Prinzip in das Leben des europäischen Juden hineingeführt und eine Revolution so auch für ihn bedeutet: in seiner Einstellung.zur U m w e 11. Sie war im Mittelalter eine gegebene gewesen. Soweit die Denkart und die Empfindungsweise aus diesen Tagen noch zu uns spricht, erkennen wir es deutlich, wie die Juden sich damals mit betontem Selbstbewußtsein als Ausnahme im Sinne des Besonderen und Höheren fühlten. Es ist verständlich. Sie hatten ihren eigenen Lebensstil. In Jahrhunderten, die sich mit Maßlosigkeiten und Ausschreitungen erfüllten, hatte ihr Daseinsbezirk seine Reinheit und Beherrschtheit, er war, um eines nur sprechen zu lassen., ein Bereich ohne den Alkoholismus und ohne die Prostitution. Sie wußten sich als eine Gemeinde des Lernens und Wissens, in einer Zeit der Analphabeten als das Volk der Schule und des Lehrhauses. Sie wußten um ihre Religion, die ihnen die wahre und vernünftige war mit ihrem Glauben an den einen Gott und ihren Geboten, die das Leben aller weihen wollten; sie wußten um die Opfer, die sie immer wieder ihrer Überzeugung darbrachten, um den steten Heroismus ihres Lebens. Sie sahen sich als ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk. Die Umwelt war ihnen, mit dem Wort einer alten Predigt, die Welt Esaus, Edoms, die Welt des Gewaltsamen, das durch die Faust die Geltung sucht, und ihr gegenüber war ihnen ihre Welt, in der sie lebten, die Welt des Geistes, die Welt Jakobs; sie sagten mit jener Predigt: „Esaus sind die Hände, Jakobs ist die Stimme." Es ist wahr, sie Avurden abgesondert, aber es ist ebenso wahr, daß sie sich geschieden fühlten. Sic blickten, so sehr sie bedrückt wurden, auf die anderen herab, nicht selten mit einer gewissen Geringschätzung, ja mit einer gewissen Verachtung. Sie empfanden keinerlei Versuchung in sich, 99