Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1925
- Date
- 1925-01-01
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2273546-2273629--2074-2275871- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 23 — Leser herabsteigen, sie muss ihn zu sich emporheben. Entscheidend ist die Forschung, nicht die Darlegung, die Methode, nicht das Ergebnis, der Weg, nicht das Ziel. Wissenschaft ist nicht ein Massenartikel der auf den Markt geworfen wird, sie ist wie das Saatkorn, das, vom Kundigen in den wohlvorbereiteten Erdboden versenkt, mit Sorgfalt beobachtet und behütet wird, bis es aufgeht. Das Reifen lässt sich nicht gebieten, es will geduldig erwartet sein; erfolgt es aber, so wirft es nicht nur Ertrag für den Augenblick ab, sondern birgt in sich auch fruchtbare Keime; sie erzeugen neues Leben, das seinerseits wieder schaffend fortwirkt und befruchtet bis in die Unendlichkeit. Mag die Wissenschaft auch zeitweise sich in Irrwegen verlieren, in dem ihr eigenen Streben nach ständiger Erneuerung, nach steter Verjüngung besitzt sie die Kraft, auf den rechten Weg zurück zu finden. Wissenschaft ist nie destruktiv, da ihr Ziel "ein heiliges ist, die Ermittlung der Wahrheit. Gegen Verkehrtheiten in der Wissenschaft gibt es nur ein Heilmittel — eben die Wissenschaft, nicht aber jene geringschätzige Abkehr von der wissenschaftlichen Forschung, die heute in unseren Reihen immer weitere Kreise zieht, weil die einen im Vertrauen auf den Besitz einer autoritativen Ueberlieferung keine Probleme kennen und mit den Ergebnissen fertig sind, ehe sie zu suchen begonnen haben, weil die anderen einem modischen Agnostizismus huldigen und an Stelle des Wissens das Schauen, an Stelle des Forschens das Ahnen, an Stelle des Erkennens das Erleben setzen. Mag die Wissenschaft durch unberechtigtes Pochen auf die Vernunft, durch Uebertreibung der philologisch-historischen Kleinarbeit gesündigt, mag sie zu wenig beachtet haben, „wie alles sich zum Ganzen webt", und „was die Welt im Innersten zusammenhält", — auch der faustische Trieb, in den Urgrund und Zusammenhang aller Dinge einzudringen, untersteht der Souveränität der Wissenschaft. Gewiss ist das Letzte und Höchste in der Wissenschaft wie in der Kunst eine Offenbarung — wenn wir das heute begreifen, wenn wir die Grenzen menschlicher Vernunft und Fähigkeit erfassen, wer anders kann diese Erkenntnis zur allgemeingiltigen erheben, wenn nicht die Wissenschaft? Wissenschaft braucht Wirklichkeitssinn, nicht aber jenes schwärmerische Chiaroscuro, in dem immer nur das geistige Auge nach dem inneren Sinn sucht. Wohl grbt es verschiedene Betracbtungs-