Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1925
- Date
- 1925-01-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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— 18 — Tn seinem unzerstörbaren Optimismus hat das Kuratorium die Arbeit dennoch begonnen, und die Anfange waren vielverheissend. Es glückte, Gelehrte von hervorragender wissenschaftlicher Bedeutung, sogar einige Männer von Weltruf als Lehrer zu gewinnen. Abraham Geiger, David Cassel, Hajim Steinthal und Israel Lewy bildeten ein Kollegium, das in idealer Weise den Absichten der Stifter entsprach und unverbrüchliche Gewähr für vielseitigste wissenschaftliche Anregung bot. Ein jeder von ihnen war nicht nur als Mann der Wissenschaft, sondern ebenso als religiöse und sittliche Persönlichkeit vorbildlich. Die Vorlesungen enthielten manches, was in den jüdisch-theologischen Anstalten bis dahin nicht vorgetragen wurde, wie Einleitung in die Wissenschaft des Judentums, Einleitung in die Bibel, Stellung und Lehrinhalt des Judentums in der Gegenwart, Ethik und Religionsphilosopbie und — was man selbst an den Universitäten damals nur selten hören konnte — Vergleichende Religionsgeschtchte. Die Jünger waren nicht zahlreich, aber von starkem Wissensdrang beseelt, zum grossen Teil aus weiter Ferne herbeigeeilt; sie gaben der Hochschule einen internationalen Charakter und trugen durch ihre spätere Wirksamkeit den Ruf der Alma mater in die ferne Welt hinaus. . Aber der Bau ruhte nicht auf fester Grundlage, der Mangel an Mitteln lähmte die Ausführung. Auf die Innehaltung eines Lehrplans und die Wahl der Dozenten nach Fächern musste, da man auf nebenamtliche Kräfte angewiesen war, Verzicht geleistet werden. In dem kleinen Kollegium waren einige Fächer mehrfach vertreten, während es an Lehrern für wichtige Gegenstände fehlte, oder mehrere Disziplinen in einer Hand vereinigt wurden. Der jungen Anstalt, der in der Zeit des Werdens jede Erschütterung Schaden bringen musste, blieb keine erspart! Der Tod hielt reiche Ernte. Nach wenigen Semestern starb Abraham Geiger, der epochemachende Theologe, der kühne Forscher. Sein Nachfolger im Gemeindeamt, der als Lehrer sehr beliebte P. F. F r a n k l, der hochbegabte Erforscher der karäischen Literatur, ward auf der Höhe des Lebens dahingerafft. Joel Müller, dem unermüdlichen Bearbeiter der Responsenliteratur, war eine Lehrtätigkeit von wenig mehr als einem Jahrzehnt beschieden, und nicht einmal so lange wirkte Martin Schreiner, der ebenso gelehrte wie begabte Religionshistoriker, ehe in jungen Jahren unheilbare Krankheit ihn der Wissenschaft entriss.