Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1925
- Date
- 1925-01-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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— 15 erwarb ein Land durch die Blüte seiner Lehrhäuser, in der Neuzeit war er Deutschland zugedacht. Einige Jahrhunderte lang lebte das Judentum in einem freiwillig gewählten geistigen Ghetto, in selbstgewollter Abschliessung von der Erkenntnis der Aussen weit. Gerade als die Völker Europas durch Renaissance - und Humanismus sich aus dem Beharrungszustand des Mittelalters lösten, als sie Herz und Auge für die Welt und ihre Schönheit öffneten, vollzog das Judentum, nach einem Martyrium ohne Gleichen, die Flucht aus der Welt, die Entfremdung von allem, was ausserhalb seiner Mauern gedacht und gelehrt wurde. Das Zeitalter der Aufklärung hat diese Abschliessung für einzelne gelockert, an der Denkweise der Gesamtheit jedoch nichts geändert, zwischen Judentum und allgemeiner Bildung blieb eine liefe Kluft bestehen. Demgegenüber erhob Leopold Z u n z die Forderung, die Mauern abzutragen, die Dämme zu durchs!ossen, das Judentum aus seiner geistigen Isolierung zu befreien. Er stellte das Programm einer Wissenschaft des Judentums auf. Sie sollte, was nur immer Juden und Judentum erlebt, erlitten und geleistet N hatten, ihre Geschichte, ihre Literatur, ihre Lehre nach den Methoden kritischer Forschung, im Zusammenhang mit der Gesamtheit der Wissenschaften systematisch ergründen und darstellen, sie sollte das Judentum unter Beachtung der geschichtlichen und geistigen Zusammenhänge erklären, sollte der Kulturwelt die aus dem Judentum sowie aus jüdischen Quellen stammende Bereicherung der Erkenntnis nicht vorenthalten. - Das war ein fruchtbarer Gedanke, die Geister erwachten, die Studien blühten, es entstand eine reiche wissenschaftliche Literatur über das Judentum. Allein, so genial der Entwurf des Meisters war, so bahnbrechend die Arbeit, die er und seine Genossen leisteten, es fehlten die Bauleute, die das Werk durchführten, es fehlte die schützende Anstalt, die den Studien einen Mittelpunkt bot, die ihnen Stetigkeit und Gedeihen verbürgte. Die moderne Judenheit, in Bich selbst zerklüftet, fühlte noch nicht die Kraft, das Lebrhaus zu gründen, das dem wissenschaftlichen Geist der Zeit entsprach. Selbst die Möglichkeit, eine theologische Fakultät an einer Universität zu errichten, scheiterte, obwohl eine dringende Notwendigkeit für sie vorlag, am Mangel an Gemeinsinn, und nur durch den Zufall privater Stiftungen wurde für die Heranbildung wissenschaftlich geschulter Rabbiner Sorge getragen. Doch dem Bedürfnis nach dem traditionellen