Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1919
- Date
- 1919-01-01
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
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— 30 — jüdischen Gemeinden Polens empfing; er hatte alle die Probleme der jüdischen Jugend enthusiastisch miterlebt, und so sprach alles, was dort auf seinen Wegen vor ihm lag, zu seinem innersten Empfinden und Sehnen. Auf seinem Posten stehend hat ihn ein jäher Tod vernichtet; über seinem jungen, sirahlendeu Leben erklingt das talmudische Klagewort: „Ach über die Schönheit, die in der Knie vergangen!" Wie ein wehmutsvoller Abschied tritt jetzt seine letzte Predigt, die er, liier unten in unserem Auditorium, gehalten hat, eine Trauerrede, vor uns hin. Das Bild eines Freundes, der jung dahingeschieden war, hatte er in ihr gezeichnet und das Wort des Trostes zu geben gesucht. Zur Predigt, die er sich selber hielt, ist sie nun geworden. Max Lichtensteins Bücher sind uns geschenkt worden: sie gehören uns als eine wertvolle Gabe. Mehr als alle Bücher bedeutet «ins der Mensch, der in unserer Erinnerung lebt, jung und ausschauend, wie wir ihn gesehen haben. Nach Monaten der harrenden Ungewissheit var damals auch die Nachricht gekommen, dass Siegfried Schemel schon im September 1914 in französischer Gefangenschaft seiner Verwundung erlegen war. Siegfried Schemel hat in den Jahren seines Werdens ein Schicksal des theologischen Studiums an sich erfahren. Neben der wissenschaftlichen Unterweisung und Schulung will unsere Anstalt die Einführung in die praktische Arbeit auch gewähren, und in ihr liegt eine Versuchung der Lernenden, zumal hier, in dem Gebiete der Berliner Gemeinde, das dem Kandidaten die vielen Stellen des Unterrichts und der Predigt bietet. Es ist die Verlockung, dass auf ihnen sich der Studierende schon zu früh einen Platz bereitet, so dass die Praxis mit allen ihren Ptlichten und Forderungen, mit ihren Nützlichkeiten und Gewinnen von der Wissenschaft und von der geraden Richtung zum Ziele, zum Abschluss der Studien ablenkt. .Siegfried Schemel war diesen Weg gegangen, diesen Weg, der zuerst der kurze scheint und doch zum langen, allzu langen wird. In dem Semester vor dem Kriego hatte er sich dem gesteckten Ziele wieder zugewaudt; er beriet sich mit seinen Lehrern über das, was er wieder begiunen wollte. Eine Ilerzonsneigung, die er gefasst, stärkte den Willen ' dazu in ihm. Dann kam der Krieg, und die ersten Tage beriefen ihn ein.' Als er seinen Wog hatte wiederünden wollen, ist er hinausgezogen und dahingegangen — so wollen wir ihn in treuem Andenken vor uns sehen.