Mannheim
Compact Memory

Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin · 1915-01-01 · 1915 · page 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
Volume
1915
Date
1915-01-01
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2273546-2273611--1871-2275659
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 20 — In diesem sittlichen Urteil über Goethes Begriff der Persönlichkeit spricht sich unverkennbar die Persönlichkeit unseres Verewigten uus. Wo das Ewige angesprochen wird, da spricht das Urgefühl der Religion. Und so enthüllt sich auch in dieser Untersuchung die religiöse Persönlichkeit unseres Freundes. Seine Religiosität war, wie mit seinem ganzen Leben und seiner ganzen Berufstätigkeit, so auch im tiefsten Grunde mit seiner nationalen Gesinnung verbunden. Sein deutsches Ehrgefühl ist es, das ihn anreizt, jene niedrigere Gesinnung von Goethe abzuwehren. Sie steht ihm nicht im Einklang mit der religiösen Reinheit unseres nationalen Bewußtseins, und Goethe stände nicht auf der Höhe unserer nationalen Dichtung, wenn er nicht im Ewigen des Menschen die Würde seiner Persönlichkeit befestigt hätte. Die Vormacht des deutschen Geistes, die wir zur Grundlage unserer weit bürgerlichen Humanität machen, hat ihren Grund in dieser religiösen Tiefe unseres Volksgeistes. Dieser deutsche Mann, der anerkannte Rechtsgelebrte, der mit allen geistigen und ästhetischen Bewegungen des Zeitalters vertraut ist — er widmet sich mit unermüdlichem Eifer dieser Sonderbestrebung seiner religiösen Tradition. Kur der Ernst UL'd die Wahrhaftigkeit seiner religiösen Natur macht diesen Eifer erklärbar, den er bis zur Selbstaufopferung steigerte. Heute soll ich wiederum die eigentliche Gedächtnisrede im Auftrage des Kuratoriums einleiten. Das habe ich mir selbst gewünscht, weil ich nicht nur, wie damals, in sachlicher Erwägung das innerste religiöse Wesen dieses Mannes feiern wollte, sondern weil es mich antrieb, aus eigener persönlicher Dankbarkeit heraus noch eiuen Beitrag zu seinem Bilde zu versuchen. Vom Beginne seiner kuratorialen Tätigkeit an suchte er mich'als Lehrer der Religionsphilosophie für unsere Anstalt zu gewinnen. Aus den bedrängten Verhältnissen unserer engeren Gemeinschaft leitete er die Pllicht ab, meinen akademischen Lehrstuhl mit dem hiesigen zu vertauschen. Seinem Staatssinne lag jegliche Entfremdung von der staatlichen Lehrtätigkeit fern. Er hatte aber das Vertrauen zu meiner Sache, daß ich auch hier für die Philosophie, für die allgemeine Religion, für die allgemeine Religiosität zu wirken bestrebt sein würde. Es kam hinzu, daß er eine rein menschliche Freude an der Entwicklung einer wissenschaftlichen Individualität hatte, und daß er des Anteils sich freute, der ihm selbst dabei zufiel.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.