Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1914
- Date
- 1914-01-01
- Page
- – (sequence 69)
- Language
- German
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— 70 - Aber eben das ist heute, man darf sich darüber nicht täuschen, der Mangel der jüdischen Predigt, dass sie zu wenig aus der Vertiefung in das Judentum hervorgeht. Ihre Wurzeln sind zu dünn, sie liegen in der Oberfläche, in der hergebrachten oder angeschwemmten Redensart und in dem verbrauchten, entkräfteten Empfmdungsklang. Man hat die geübte Phrase, die man spricht, bis man schliesslich an sie glaubt, und dem Gedankenlosen, da er auch leierlich sein möchte, bleibt als die letzte, gern bereitete, Zullucht die herbeigeholte Rührung, die mit dem Wimmern der rhetorischen Schelle die Toten wachrufen will. Corruptio optimi pessima, sagte der Lateiner. In der Sprache des Judentums heisst es gebietender: „Ihr sollt meinen heiligen Namen nicht entweihen!" Die Würde der Religion ist dem Prediger anvertraut; das Bewusstsoin hiervon sollto ihm das Gewissen schärfen. Er sollte nicht vergessen, .dass er von den Propheten herkommt. Bas Amt erhält die Seele' erst durch die Pflicht, und diese besteht nicht darin, gofallen zu wollen, sondern zu belehren und emporzuheben. Hierzu gehört allerdings wie ein gerader Verstand, so ein gerader Charakter; nur ein Mensch, der innerlich frei wird, kann predigen. Es so zu erfüllen, ist keine leichte Aufgabe. Bequemer ist es, hinunterzusteigen, um dann, im Gesetze der Schwerkraft, stetig abwärts geführt zu werden. Wohl können zu jedem von uns Augenblicke der Verdrossenheit kommen, in denen Trägheit und Selbstsucht ihren Rat geben, und vielleicht auch „die Menschon" ein gleiches sagen. Aber dann mag ein jeder an ein Wort denken, wie das, welches in der „Divina Commedia"* Virgil zu Dante spricht, als dieser ermüden will und auf die Menschen hören möchte: „Vien' dietro a me, e lasciadirle genti* „Komm' in die Höhe mir nach, und lass die Menschen reden!" Und es ist doch wohl auch ein Glück, das manches lohnt, vor sich Achtung haben zu dürfen und das Wort respektieren zu können, das man der Gemeinde geben will. Die Geschichte der jüdischen Predigt zeigt, wie man dem . Eigenen und Besten des Judentums treu bleibt. Predigen heisst „lernen und lehren." _