Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1914
- Date
- 1914-01-01
- Page
- – (sequence 68)
- Language
- German
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— 69 — •wie die jüdische Predigt damals auf dem Walfelde der Gedanken war. Man versteht sie erst, wenn man den Kampf könnt, den sie nach hierhin und dorthin geführt hat. Man begreift dann auch ihren Stil; er ist so unrhetorisch, weil sich in ihm die ringende Selbstbehauptung ausspricht, die immer wieder sich predigen muss. Darum hat er seine suchende Rastlosigkeit, die oft wie eine Unstetheit, fast wie Zerfahrenheit anmutet; man wollte der Wahrheit immer neu gewiss werden und immer wieder andere Strassen in der alten Offenbarung entdecken, Pfade, die zur Gegenwart hinführen. So wie damals ist es späterhin geblieben, wenn auch in manchen Zeiten der Enge sich das Suchen oft im Kreise bewegt hat und zur Spielerei geworden ist. Aber man hat doch immer wieder den Weg in die Woito gefunden, um gegenüber jedem neuen Tage das geistigo Daseinsrecht zu erweisen. So ist es überhaupt die hervortretende Eigenart. In der Kühe des Gedankens bat das Judentum selten gewohnt; dazu fehlte das fertige Glaubenssystem, das genug hat, wenn es bewiesen und verkündet wird. Man hat stets mehr nach der Religionsphilosophio als nach der Dogmatik gestrebt; die Prinzipien waren wichtiger als die Ergebnisse. Gegen den Ausdruck konnte man duldsam und fast gleichgültig sein, weil man des Grundsatzes stets gewiss blieb; er stand immer fest. Hatte man auch nicht das Besitzesgefühl der Macht, das der Erfolg gibt, so hatte man dafür das Eigentumsbewusstsein der Ueberzeugung. Hiermit ist auch die Aufgabe der Gegenwart philosophisch wie historisch bestimmt. Es klingt wie ein Selbstverständliches, dass einer die Religion, die er predigen will, auch kennen muss; es wäre wenigstens gut, wenn es selbstverständlich wäre. Nicht um ein Kennen im Sinne des Angeeigneten handelt es sich — jeder ehrliche Prediger erfährt es an sich, dass er lehrend lernt, dass er zu sich vor allem redet. Gemeint ist ein Kennen im Sinne des stetigen Suchens, in welchem man nie sich fertig dünkt. Die Predigt hat die Erfassung des Judentums zu ihrer ersten Aufgabe. Auch hier muss vor der Technik die Wissenschaft stehen.