Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1914
- Date
- 1914-01-01
- Page
- – (sequence 65)
- Language
- German
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— 66 — Mit dem platonischen Gleichnis hat so der jüdische Prediger in der Sprache der Bibel sein Erhabenstes, die prophetische Offenbarung, zu schildern gemeint. Aber dieselbe Predigt führt uns dann noch in den Kampf der Gedanken hinein; denn sie fahrt fort, dass Gott zu Abraham gleichsam gesprochen habe: „Wer unterhalb der Gestirne, im Irdischen, ist, fürchtet sie; wer über sie emporsteigt, ins Ewige, fürchtet sie nicht. Du kannst ein Prophet sein und brauchst kein Sterndeuter zu sein."25) Gotteserkenntni3 und Astrologie, wie sie hier einander entgegengestellt werden, darin liegt, was die Geister damals bewegte. Keine Gelehrsamkeit hat jener Zeit so sehr imponiert, wie die astronomische in ihrer Verbindung mit dem astrologischen Fatalismus. Die alte Schicksalsidee, die hinter der Mythologie wohnte und allein auf die Dauer sie erträglich machte, schien zum Range der Wissenschaft erhoben zu sein. Auch das, im Grunde so unmythische, jüdische Denken blieb davon nicht unberührt; wenn auch Abneigung und Zuneigung wechselten, der Eindruck war immer ein starker. In den apokryphischen und hellenistischen Schriften können wir es verfolgen; die Vergangenheit der Astrologie wird in die biblische Geschichte hineingestellt; die Gottesmänner erscheinen bald als ihre Meister bald als ihre Ueberwinder.26) In der griechischen Kulturwelt hatte diese Schicksalswissenschaft in der Renaissance gesiegt, die die antike Religion damals erfuhr und die ihr, die dem Ende schon nahe schien, noch für Generationen die Fortdauer schenkte. Der Schöpfer dieses neuen Lebens ist vor allem Poseidonios gewesen. Man kann die Bedeutung des Mannes nicht hoch genug, einschätzen. In ihm wurde dem griechischen Altertum noch' einmal ein schwungvoller gläubiger Geist gegeben, der künstlerisch alles zu umfassen suchte, ein Poet des Kosmos, und zugleich ein Meister der Sprache, der mit eigenem Griffel schrieb. Sein Einfluss reicht weit und lange hin, auch in die jüdische Hellenisük hinein, und er hat ihn auch ganz unmittelbar und praktisch ausgeübt, als Lehrer der römischen Aristokratie und Verteidiger