Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1914
- Date
- 1914-01-01
- Page
- – (sequence 62)
- Language
- German
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— 63 — Derselbe demokratische Charakter, fast möchte man sagen: diese sokratische Art, kennzeichnet das Judentum. Auch hier ist es der Grundsatz, dass die Religion lernbar ist. Sie ist die Thora, die Lehre. Mit diesem Worte ist es schon gesagt, dass sie jedem offen und für jeden bestimmt ist, dass sie allen Menschen gepredigt werden soll. Ein universelleres Wort kann es kaum geben. Die Thora steht damit der Gnosis gegenüber, der sakramentalen Erkenntnis, die nicht der Mensch erwirbt, sondern der Geweihte und Erlöste empfängt, die nicht gelehrt, sondern nur bezeugt werden kann, dio weniger den Prediger als den Herold finden soll.") Judentum und Griechentum konnten in dieser lehrhaften Richtung so übereinkommen. Eines hatte dabei der Grieche allerdings voraus: die Technik der glänzenden Form, die Eleganz des Stils, wie sie durch die jahrhundertelange Schulung in allen rednerischen Künsten gebracht worden war. Es war ein Vorzug, aber es wurde auch die Gefahr. Die Rhetorik hat nur zu bald die Herrschaft der konventionellen Phrase mit ihrer Hohlheit und Anmassung zuerst verstattet und endlich gefordert, und darunter sind dann Gehalt und Ernst oft verschwunden. Man hat die Rede um der Rede willen gepflegt. Mit Recht ist darauf hingewiesen worden, dass das Griechentum im KultuB der schönen Form untergegangen ist.15) Im jüdischen Volk standen diesem Virtuosentum geistige und sprachliche Art entgegen, und besonders die uns überlieferten alten Predigten aus dem hebräischen Sprachgebiete oder, genauer gesagt, die Inhaltsangaben und Bruchstücke von Predigten — denn nur diese besitzen wir in unseren Midraschim16) — zeigen fast eine beabsichtigte Gleichgültigkeit gegen die künstlerische Form. Nur die eingestreuten Sentenzen haben ihre sprachliche Ausprägung. Aber dafür hatten die Juden ein anderes zu eigen, was der gesamten Predigt erst ihre Geschlossenheit gewährte. Sie besassen die Einheit der Religion und des religiösen Grundbuches, während es bei den Griechen nur eine Einheit der Schule und der Schulschriften gab. Und dazu ein Weiteres; die umfassende Bedeutung des lebendigen Mündlichen