Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1914
- Date
- 1914-01-01
- Page
- – (sequence 61)
- Language
- German
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— 62 — konnte so nur in der philosophischen Religion ihren Platz haben, und hier hat sie in der Tat ihre Wege gefunden. Ganz besonders gilt dies von der kynisch-stoischen Religion, dieser erfolgreichsten und auch segensreichsten im griechischen Kulturgebiete; sie hat ihre vielen Predigten und auch ihre mannigfaltigen, oft geschilderten Prediger: neben dem berufenen den verrufenen, neben dem lauteren, den sein sittlicher Ernst treibt, den gewöhnlichen, der seine Fertigkeit oder seine Beifäll8berechnung bereit hat, neben dem Kanzelredner, zu dem die Gemeinde kommt, den wandernden Prediger, der seine Gemeinde sucht und mit den Mitteln des Witzes und der Drastik sie zu fesseln bemüht ist.12) la diesen Kreisen ist die Kunstrede mit ihren Regeln schon sehr bald ausgebildet worden, die Diatribe oder, wie sie auch genannt wird, die Dialexis, die Ilomilia. Diese Ausdrücke bezeichnen, im wörtlichen Sinne, die Rede und Gegenrede, die Diskussion; die gegnerischen Ansichten sollten mit ihren Gründen und Beweisen zu Worte kommen, um dann ebenso gründlich widerlegt zu werden.. Man ging von der Fiktion aus, dass dem Prediger, dem keiner widerspricht, doch der Widerspruch entgegengetieten wäre. Ein Bedürfnis nach der Predigt war damals weithin vorhanden. Man besass in den verschiedenen Schulen eine Wahrheit, an dio man religiös glaubte; die Philosophie hatte hie und da fast den dogmatischen Charakter erhalten. Sie verlangte nach der Erläuterung und der Verbreitung. Bestimmend war hierfür auch der demokratische Zug, den Sokrates ihr gegeben hatte. Er hatte erklärt, dass Tugend und Frömmigkeit lernbar, also jedem Menschen zugänglich seien, dass sie daher gepredigt werden könnten und sollten. Diese Richtung seiner Philosophie, in der ihm nicht sowohl Plato und Aristoteles als vielmehr die Kyniker gefolgt sind, ist vielleicht das Eigentümlichste, was er dem griechischen Denken gebracht hat. Es war der Gegensatz zu der exklusiven Lehre, wie sie oin Heraklit, ein Pythagoras verkündet, ein Pindar dichterisch gestaltet hatte, dass die Tüchtigkeit nicht jedem erreichbar wäre, dass die GOtter sie als ihr Geschenk den Auserwählten gäben.13)