Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1914
- Date
- 1914-01-01
- Page
- – (sequence 60)
- Language
- German
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- 61 — auch dem Fremden manches koncediert, was man dem Bürger nicht zugestand; charakteristisch ist eine Stelle aus der, dem Lysias zugeschriebenen, Rede gegen Audokides, wo das Vergehen gegen die staatlichen Heiligtümer als eigentliches Verbrechen hingestellt wird, wenn ein Einheimischer es begeht.9) Die Staatsreligion, to rcatpiov, wie die Griechen sie nannten, die civilis religio, wie Varrosie nennt9), sorgt nur um die Nation, sie gibt und verlangt bloss den nationalen Kultus. Was das Individuum, abgesehen von den häuslichen Bräuchen, an persönlichem religiösen Bedürfnis hatte, konnte es nur entweder in den Mysterion befriedigen, die ihm das Geheimnis der Erlösung und Vergottung vorhiessen, oder aber in der philosophischen Religion, die die Antwort auf die Zweifel und den Weg für den Willen aufweisen wollte. Jo mehr in dem Niedergange der Antike der Mensch mit seinem innorsten Empfinden aus dem Staate ausschied und sich als Angehörigen der Welt zu fühlen lernte — das Wort des Philo, dass der vojxijxo; dvTjp ein xotjjj.o7:oXir/j; ist, gibt die Stimmung der Zeit wieder10) —, desto mehrmusste einerseits das Mysterium mitseinem Wunder, anderseits die Philosophie mit ihrer Welt- und Lebensanschauung die Menschen gewinnen. Denn der Versuch, durch die Lohre von der doppelten Wahrhoit das schon schwankende Alte zu stützen, wie er zu Ende des Altertums vor allem durch die Skeptiker und ebenso im Mittelalter durch die Nominalisten11) unternommen wurde, dieser Versuch konnte doch immer nur die augenblickliche Verlegenheitsantwort sein. Es blieb dabei, dass die individuelle Religion nur entweder die philosophische oder .-die der Mysterien war. Hier allein dürfen wir daher die Predigt suchen; denn sie spricht nicht zum Bürger, sondern zum Menschen, zum Gläubigen. Allerdings, dem mystischen Kulte bleibt sie ebenfalls fern; denn er will dem Verstände nichts und alles der Phantasie und dem Empfinden geben; in ihm nimmt das Festspiel, das das Schicksal des Gottes und das sakramentale Opfer schauen und erleben lässt, den wesentlichen Raum ein. Sie