Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1914
- Date
- 1914-01-01
- Page
- – (sequence 59)
- Language
- German
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— 60 — besondere Art der Lehre und Rede bildet sich aus, die, welche nicht mehr eine neue Wahrheit verkünden, sondern die verkündete Wahrheit darstellen und verbreiten will. Auf dio Suchenden, welche göttliche Gesichte schauten und Stimmen aus der Höhe vernahmon, folgen jetzt die Sprechenden, die ihr Buch besitzen, auf die Seher und Sehergenossen folgen die Prediger — denn der Begriff der Predigt in seinem eigentlichen Sinne darf nicht auf das prophetische Wort, sondern nur auf diese reproduktive Beredsamkeit angewandt werden. Diese Predigt ist so mannigfaltig, wie jene verschiedenen Glaubensgedanken es gewesen sind. Wir finden sie bei dem Volke der Zarathustra-Religion in den homiletischen Erklärungen der alton geheimnisreichen Glaubenssprüche, der Gathas, und in dem Vortrage des Vendidad, des Gesetzes.1*) Wir finden sie ebenso im indischen Buddhismus; der Suttanipata rühmt unter den besten „Mangalas*, den Geschenken des Lebens, neben Ehrfurcht und Bescheidenheit, Zufriedenheit und Dankbarkeit auch „das rechtzeitige Anhören von Lehrvorträgen."*) Wir finden sie dann in China, wo sie zur regelmässigen Einrichtung geworden ist.*') Aber vor allem tritt sie uns auch in dem grossen griechischen Kulturgebiete entgegen. Einer der besten Kenner des Hellenismus, Freudenthal, hatte zwar geglaubt, sie der griechischen Welt absprechen zu sollen, und hatte" in ihr etwas dem Judentum ganz Eigentümliches erblickt.6) Diese Ansicht ergab sich ihm, weil er den Begriff der griechischen Religion wie auch den der Predigt zu eng gefasst hatte. Die griechische Religion, und noch ausgeprägter die römische, war, offiziell genommen, in antiker Art Staatsreligion; sie wendete sich an den Einzelnen nur in seiner Eigenschaft als Bürger. Als Individuum, als Persönlichkeit erhielt er von ihr nichts. Die Teilnahme an der kultuellen Handlung wurde von ihm, als Staatsangehörigem, gefordert; aber wenn sie erfolgte, war man gegen alles andere meist duldsam. Der religiöse Gedanke und die theologische Auffassung blieben ein völlig Gleichgültiges. Darum haben Epikuräer und Skeptiker es so leicht gehabt, in Frieden mit .. dem Staate und der Staatsreligion zu leben.7) Darum hat man