Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1913
- Date
- 1913-01-01
- Page
- – (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2273546-2273607--1770-2275556- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 51 — steht vor uns wie das Relief eines fernen Gebirges; wir greifen es weder mit der Hand noch mit dem Auge unmittelbar; es steht uns fern. Aber die verschwimmenden Linien bekommen allmählich härtere Formen, das Augo beginnt zu unterscheiden, Farbe und Form geben ihm die Mittel zur Bestimmung des Gesteins.; der Vergleich schärft den Blick, das Auge wird iiugsicher und trägt uns über die Fernen hinweg an die Dinge heran. Anschauende Erkenntnis, die sich nicht theoretisch lehren, aber, nach der Verschiedenheit der Anlage verschieden stark, in jedem entwickeln lässt, ist das Ziel aller Geschichtswissenschaft, alles andere Mittel zum Zweck. Dieses andere macht allerdings den llauptteil der Arbeit aus: die Sicherung der Einzeltatsachen in allen Verzweigungen, in welche der geschichtliche Stoff auseinanderläuft, auf den Gebieten literarischer, epigraphischer, numismatischer, archäologischer Ueberlieferung, mit allen Mitteln dieser Sonderdisciplinen, die in unserem Falle besonders von der Philologie geboten werden. Dazu dann das Durchdenken des Stoffs nach allen Richtungen, in welchen in unseren wissenschaftlichen Disciplinen geschichtliche Ueberlieferung zum Ausdruck kommt; das eine wie das andere aber unter ständiger Mitarbeit des geschichtlichen Sinns, der nach Ursache und Wirkung und nach dem inneren Gehalt trennt und verbindet und aus den Einzelheiten das Ganze gestaltet. Die Sicherung der Einzeltatsachen kennt keine Grenze; dagegen muss sich die Geschichtswissenschaft in der Behandlung der Materien, in welche sich der geschichliche Stoff gliedert, Grenzen setzen. In der allgemeinen Geschichte bestimmten bis vor noch nicht lange zurückliegender Zeit vornehmlich dynastische und aussenpolitische Interessen Art und Richtung der Arbeit. Der Staatengeschichte wurde die sogenannte Kulturgeschichte an die Seite gestellt. Dieser Dualismus wurde von innen her überwunden; in ursächlichem Zusammenhang mit der grossen methodischen und sachlichen Differenzierung der geschichtlichen Disciplinen wurde die in der Vorstellung längst feststehende Einheit aller geschichtlichen Erscheinungsformen nun auch in der Geschichtswissenschaft als methodisches Princip immer stärker wirksam. . .