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Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin · 1913-01-01 · 1913 · page 49

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Journal
Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
Volume
1913
Date
1913-01-01
Page
– (sequence 49)
Language
German
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IRI
…/2273546-2273607--1769-2275555
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— 50 — einander, sondern spiegeln Lebensvorgänge wieder, die in innerer Bedingtheit zu einander stehen. Die Geschlechter verbinden sich zu Stämmen, die Stämme zu Stammesgruppen, zum Volke, das Volk sucht und schafft sich seinen Boden, entwickelt unbewusst in Jahrhunderte langer Arbeit, die voll von retardierenden Momenten ist, aus sich heraus ein Organ für die Zusammenfassung, Leitung und den Gebrauch seiner Kräfte, den Staat, und wird dadurch selbst ein Organismus, das im Staate durch dessen Organe gegliederte, verwaltete, handelnde Staatsvolk, das dann als solches sich intensiver als vorher nach innen und nach aussen fortbildet. Dieses Geschehen hängt nicht zwischen Himmel und Erde, sondern entwickelt sich aus Bedingungen. Die Bedingungen können im Verhältnis zu den Absichten und Interessen des Volkes zufällig wirksam werden, das tut nichts; die Einwirkung auf die Geschicke des Volkes verbindet ihre Ursachen, auch wenn diese Verknüpfung von Haus aus eine zufällige ist, organisch mit dem Geschehen des Volkes, und alles, was je auf das Volk eingewirkt und aus ihm heraus gewirkt hat, stellt sich so als die Einheit eines grossen, in seiner Art organischen Lebens Vorgangs dar. Vor unserem Auge muss also zweierlei stehen: der wirkliche Lebensvorgang und die uns über ihn überlieferten Nachrichten. Seien Sie sich des Unterschieds und des Abstands bewusst. Der wirkliche Lebensvorgang ist uns verhüllt. Stellen wir die Notizen nebeneinander, so bekommen wir selbst dann, wenn sie uns in grösster Fülle überliefert sind, keine ausreichende Anschauung des Lebensvorgangs, sondern nur ein buntes Bild; geschweige denn, wenn es sich nur um spärliche Notizen handelt. Es kommt vielmehr darauf an, die Notizen nicht nur zu verknüpfen, sondern ihren geschichtlichen Gehalt zu empfinden und sich auf diesem Wege dazu durchzuringen, dass uns hinter ihnen die Lebensvorgänge, welche sie wiederspiegeln, in gewissem Umfange sichtbar werden. Das Mittel, das dies ermöglicht, ist der geschi entliehe Sinn. Es gilt nicht, zu tifteln und Haare zu spalten, Einfalle spitzfindig zu drehen und zu winden, sondern einen ruhigen Blick zu gewinnen. Das erste und letzte ist in der Geschichtswissenschaft die Anschauung. Was geschehen ist,

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