Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1912
- Date
- 1912-01-01
- Page
- – (sequence 85)
- Language
- German
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— 89 — europäischen Kontinent. Hundert und vierzig Jahre, bevor die Römer die Euphratgrenze gewannen, hatte die chinesische Mauer entschieden, dass die Wellen des unerschöpflichen mandschurischen Völkerbeckens vom Süden abliessen und sich durch die dsungarische Mulde nach Westen ergossen. Damals begann die Völkerwanderung, welche in ihrer speziell so genannten Erscheinungsform nur ihren Höhepunkt fand, und ihre gewaltigen Stösse schlugen vom Euphrat über die Linie des Kaukasus, der Nordküste des schwarzen Meers und der Donau von der Mündung bis zur Quelle an die Grenzen des römischen Reichs. Der Grenzschutz gegen Norden und Osten bestimmte die Politik der ausgehenden Republik und der Kaiserzeit. Diesem Zwecke musste alles dienen, was das Länderbecken der hellenischrömischen Kultur ausfüllte; an hervorragender Stelle Land und Volk der Juden. Der Sturm, der vom iranischen Hochland über die Euphrat-Tigris-Ebene und Damaskus hinweg an das Mittelmeer fegte, ging durch jüdisches Land. Für Rom war es höchste Zeit. Sechs Jahre, bevor der römische Legionär im Jahre 63 am Euphrat Fuss fasste, hatte Tigranes von Armenien die Ebene überrannt und in Judäa Tribut empfangen. Dreissig Jahre später tränkten die Parther ihre Rosse an der palästinensischen Küste im Mittelmeer. In der Apokalypse Johannis kommt der Antichrist von den parthischen Bergen, und von dorther flogen noch den letzten Kämpfern um Stadt imd Tempel wahnsinnsglühende Hof&iungen zu. Das kennzeichnet für Judäa die Situation. Die Beteiligung am Grenzschutz gegen Osten war die politische Aufgabe des jüdischen Staates innerhalb des römischen Reichs. Wenn Pompeius in dem Augenblicke, in welchem er die Euphratgrenze gewann, dem jüdischen Staate die Selbständigkeit nahm, so liegt darin nicht an und für sich ein Zwang des weltpolitischen Zusammenhangs, auch nicht eine beutegierige Tendenz der römischen Politik. Alles eher als dies. Die Wiederherstellung des Staates unter dem schwachsinnigen Hyrkan und in grösserer Selbständigkeit unter Herodes beweist das zur Genüge. Im Gegenteil. Die römische Politik begünstigte die Selbständigkeit der kleinen Grenzstaaten, wenn sie sich fähig erwiesen, die Grenze zu schützen. Die innerjüdische Situation von 63 muss dies -für