Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1912
- Date
- 1912-01-01
- Page
- – (sequence 74)
- Language
- German
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— 78 - Geschicke seines Volkes, aus unserem Zusammenaange gesprochen: die Elemente des werdenden Staates, in ihren Grundbedingungen yon den allgemeinen Geschicken des vorderen Orients abhängig und müssen aus dieser weltpolitischen Bedingtheit heraus erfasst werden. Dann erklärt sich die in der politischen Consolidierung des Volkes im Staate zu Tage tretende Entwickelung aus der Abwandlung der von aussen gegebenen Bedingungen. Die numerisch und materiell schwache Besiedelung des Landes vom Beginn der Bückkehr bis auf die Tätigkeit Esras und Nehemias, die uns aus den Memoiren dieser Männer einigermassen bekannt ist, wird in der persischen Zeit, die auch dann noch über hundert Jahre währte, nicht viel zugenommen haben. Die Vorbedingungen einer kräftigen Besiedelung fehlten. Das Land war durch die assyrischen und babylonischen Verwüstungen auf das Niveau der durch den dreissigj ährigen Krieg am stärksten mitgenommenen deutschen Territorien gebracht. Die fremden Ansiedler mit Ausnahme der Samaritaner vermochten für das Land nichts zu tuu. Andrerseits standen die Juden in Babylonien jetzt in bezug auf ihren wirtschaftlichen Habitus in einer bedeutungsvollen Entwickelung. Israel und Judäa waren über die Stufe des kriegerischen Ackerbauvolkes nicht wesentlich hinausgekommen. In Babylonien traten die Exulanten dagegen in wirtschaftlich weit fortgeschrittenere Lebenskreise. Hier hatte sich der kapitalistische Wirtschaftsbetrieb als herrschender längst durchgesetzt, dem sich die Juden natürlich schnell assimilierten. Wirtschaftsformen beeinflussen aber nicht nur das Portemonnaie, sondern den ganzen Menschen. Sie sind das Substrat einer alle Verhältnisse erfassenden Kulturform. Ein Zui'ücksinken in primitivere Wirtschaftsformen bedeutet daher mehr als einen Wechsel der Erwerbsart. Judäa bot aber für eine kapitalistische Wirtschaftsform keine Möglichkeit, weil es ein verödetes Land ohne Handel und Wandel war und der starken Verwüstung wegen lange bleiben musste. Selbst die 'agrikulturelle Entwickelung und eine Besiedlung auf ihrer Grundlage waren nur in bescheidenen Grenzen möglich. Daraus und nicht nur aus dem mangelnden Willen erklärt sich die ausserordentlich langsame, saft- und kraftlose Wiederbesiedelung des Landes. Die