Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1912
- Date
- 1912-01-01
- Page
- – (sequence 61)
- Language
- German
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— 63 — So hoch wir auch die Leistungen der Wissenschaft des Judentums anzuschlagen haben, so viel sie auch für die Wiederbelebung unserer Vergangenheit geschaffen, an einem Punkte hat sie eine Lücke gelassen, die, je länger sie andauert, desto verhängnisvoller wird für die Zukunft unserer Gemeinschaft; die Wissenschaft des Judentums hat der systematischen Entwicklung des Lehrinhalts des Judentums, der Erforschung seiner Glaubens- und Sitten lehre nicht die nötige Aufmerksamkeit zugewandt. War es der romantische Zug der Zeit, war es die politische Notwendigkeit, die arg verleumdete jüdische Vergangenheit in ihrer wahren Gestaltung vorzuführen, — die Wissenschaft des Judentums erschöpfte ihre Kraft in der geschichtlichen Forschung, in der Ergründung der literarisch en Quellen. Da war es Ludwig Philippson mit seiner schwärmerischen Begeisterung für den Lehrinhalt des Judentums, der diesen Gebieten seine Arbeit, seine Kraft weihte; er erkannte früh, dass die Durcharbeitung des Lehr- und Gedankeninhalts, die Klärung des Wesens des Judentums die wichtigste Aufgabe für seine Zeit bildete. Das war im letzten Grunde der Zweck seiner Arbeit an der heiligen Schrift, dahin zielte sein weitangelegtes Lehrbuch der israelitischen Religionslehre, dahin zahlreiche Abhandlungen, die zusammen eine Darstellung der grundlegenden Ideen der Bibel, ihrer Theologie, ihrer Ethik bilden. Um volle Klarheit über die Lehren des Judentums zu gewinnen, wurden sie mit den geistigen und religiösen Strömungen aller Zeiten verglichen, in ihren Beziehungen zu den Naturwissenschaften, zu den Religionen ergründet, vor allem gegen die Lehren des Christentums abgegrenzt, und so legte Ludwig Philippson den Grund zu einer wissenschaftlichen Ap ologetik des Judentums, die seinen Schriften wichtige Gedanken, vor allem aber die Methode entnehmen wird. Das Geschick ist freilich Philippsons Schriften nicht sehr günstig gewesen. Sie sind vielfach im Drange des Tages entstanden und rasch wieder zurückgetreten; seine Zeit stand im Banne der aufblühenden Naturwissenschaften, des keck zugreifenden Materialismus und war einer offenbarungsgläubigen Theologie nicht sehr zugänglich. Es war die unglückliche Epoche des Niedergangs der Philosophie in Deutschland;