Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1912
- Date
- 1912-01-01
- Page
- – (sequence 57)
- Language
- German
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- 59 — Erfassung des messianisehen Endziels der Religion. Hier ist kein einseitiger Kationalismus, so sehr auch das Vernunftgemässe der Religion betont wird, es ist Herders enthusiastische Bejahung des Geschichtlichen, Herders hochsinniger Aufruf zur positiven Arbeit, zur Bekräftigung der Idee durch die Tat. Das Festhalten an zwei entgegenstehenden Prinzipien birgt die Gefahr von Kollisionen in sich; dass es überaus schwierig ist, die Grenzlinie festzustellen, wo das Recht der Vergangenheit aufhört, wo die Ansprüche der Gegenwart einsetzen dürfen, hat Phüippson selbst eingesehen und zugestanden. Es ist die sachliche Schwierigkeit, die jede in die Gegenwart hineinragende historische Erscheinung bietet. Der Knoten, den eine Geschichte von vier Jahrtausenden geschürzt hat, lässt sich nicht gewaltsam mit dem Schwerte zerschlagen. Wollte man das Judentum ohne Rücksicht auf seine Vergangenheit lediglich nach Massgabe der Vernunft und den Ansprüchen der Gegenwart umwandeln, so musste man beim Standpunkte des Frankfurter Vereins der Reformfreunde anlangen1), von dem als kurzer ruhmloser Episode die Geschichte berichtet, der aber aus dem Leben verweht worden ist wie die Spreu vor dem Winde verfliegt. Wohl aber hat die Geschichte der letzten Jahrzehnte Ludwig Philippsons Anschauungen in wichtigen Punkten gerechtfertigt. Als die allgemeine Stimmung gegen die Juden sich wandelte und der totgesagte Glaubenshass wieder erstand, da, in der Not der Zeit traten wie von selbst die einseitigen Reformbestrebungen zurück, es kam wieder zur Anerkennung, dass allen Richtungen innerhalb der Religionsgemeinschaft ein Recht auf Berücksichtigung zustand, dass mehr als die Meinungen über die Anerkennung der Forderungen des Lebens auseinandergehen, die Gemeinsamkeit des Bekenntnisses, der ethischen Anschauungen die Religionsgenossen eint und verbindet. Das aber war es, was Ludwig Phüippson in glücklicheren Tagen angestrebt hatte. Er hatte als Erster den Zusammenschluss aller Kräfte in der Judenheit ins Werk gesetzt, die Einheit in der Abwehr als ein starkes Mittel im Kampfe für Freiheit, Recht und Ehre des Judentums erprobt, er erstrebte als Höchstes die Einheit des l) Philipson David, The Reform Movement in Judaism, New York 1907, 147 ff.