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Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin · 1912-01-01 · 1912 · page 56

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Journal
Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
Volume
1912
Date
1912-01-01
Page
– (sequence 56)
Language
German
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IRI
…/2273546-2273605--1687-2275472
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— 58 — Man mag die Anschauungen Ludwig Philippsons billigen oder nicht) — gegen jede vermittelnde Richtung lassen sich von beiden Seiten her logische Einwendungen erheben — man wird ihm jedoch nicht gerecht, wenn man seinen Standpunkt als denjenigen der Aufklärung betrachtet. Lässt sich Philippsons enthusiastischer Glaube an die Lösung der religiösen Frage auf dem Boden des Judentums, aus dem Wesen des Judentums heraus mit dem mattherzigen Hinschmachten der Jünger Mendelssohns irgend wie vergleichen? Entspricht seine Offenbarungsgläubigkeit, seine stete Berücksichtigung des Gemütslebens und der aus ihm geborenen religiösen Zeremonie, seine Hinweisung auf eine Weltmission des Judentums den Idealen der Aufklärung? Man vergegenwärtige sich den Kampf, den Phüippson gegen D. Fr. Strauss, den späten Verfechter der Aufklärung, geführt, dem gegenüber er die Rechte der geschichtlichen, der Gefühlsreligion, so kraftvoll und erfolgreich verteidigt!1) Hier ist die Aufklärung überwunden, hier hat sich ein neues Prinzip durchgerungen, dessen Einwirkung auf die Entwicklung der Religion die höchste Beachtung verdient. Es ist der Einfluss von Herder's Kulturphilosophie, jener für die moderne Geschichtsauffassung so bedeutsamen Richtung mit ihrem festen Glauben an eine der Menschheit von Anfang an mitgegebene Offenbarung, mit ihrer Forderung der sittlichen Tat, mit ihrem Ziele der Humanität, der „zukünftigen Blume, zu der all unser Tun nur die Knospe bildet"2). Von Herders Grundgedanken aus begreift man Philippsons Lehre vom historischen Judentum, begreift man es, wie er die zwei Gegensätze zu vereinigen strebte, das ganze geschichtliche Judentum und die Forderungen der Neuzeit. Er konnte an allen fortschrittlichen Bestrebungen sich beteiligen — und gar manche von Bedeutung hat er ins Leben gerufen — er konnte in Reformen sehr weit gehen und war doch kein Reformer. Er hielt streng an alter Ueberlieferung fest und war dennoch kein Altgläubiger. Die Umwandlung der äusseren Form war für ihn eine Sache zweiter Ordnung, in erster Reihe stand ihm die Regeneration des religiösen Geistes, die Erweckung des Gemütslebens, die Erziehung für die innerliche J) Gesammelte Abhandlungen, Leipzig 1911, Bd. II, S. 177 ff. a) JT. Q. Herder's Sämtliche Werke, Bd. XIII, Berlin 1887, S. 189.

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