Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1912
- Date
- 1912-01-01
- Page
- – (sequence 55)
- Language
- German
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— 57 — der die vollkommensten Glaubenslehren und die erhabenste Gesetzgebung verkündet, die Einheit der Idee und des Lebens, die Einheit des sozialen und des religiösen Menschen. Aber der Mosaismus ist auf ein Volk beschränkt, das zu schwach war, die Wirklichkeit gemäss seinen Geboten zu erhalten, das von seinen Lehren in den Götzendienst zurückfiel, seine Gesetze in gedankenloser Werkheiligkeit erfüllte. Da entsteht als zweite Epoche der Prophetismus, der es sich zur Aufgabe setzt, die alte Einheit wiederherzustellen, der aber, da das Leben verloren schien, sich der Idee zuwendet und diese zu retten versucht, bis der Talmudismus ihn ablöst und den entgegengesetzten Weg einschlägt. Auf dieser geschichtsphilosophischen Betrachtung beruht Philippsons Auffassung von der Aufgabe des Judentums in der vierten Epoche, in der Neuzeit, beruht seine Stellung zur Reformbewegung. Was ewig, was lebenskräftig sich erwiesen hat im Judentum während seiner viertausendjährigen Geschichte, das soll erhalten werden. Die reine Idee des Mosaismus ist herauszuschälen und zu entwickeln, seine Gesetze sind, soweit dies unter den gegenwärtigen Verhältnissen des Lebens möglich ist, in bestimmte Erscheinung und Gestaltung zu bringen. Keine Epoche des Judentums zeigt einen völligen Stillstand, es haben sich stets neue Begriffe in seiner Lehre gebildet, es hat seine äussere Gestalt häufig verändert; aber es hat sich doch zu allen Zeiten einen Grundstock ewiger, unabänderlicher Lehren und Gesetze bewahrt. Die geschichtliche Entwicklung wird von der Gesamtheit getragen, in ihr und durch sie vollzogen, ihre Einheit darf nicht durch einseitiges Vorherrschen der Reform gestört werden. Der Reformbewegung fällt die wichtige Aufgabe der Kritik an den religiösen Verhältnissen zu, sie soll die äussere Gestalt des Judentums veredeln, sein Wesen zu immer klarerer Erkenntnis bringen, das geschichtliche Bewusstsein wecken für den wahren Sinn der mosaischen Ueberlieferung, für ihre erhabene Gotteslehre, ihre sozial gerichtete Ethik, soll den Geist empfänglich machen für den Beruf des Judentums, die Verwirklichung des messianischen Ideals der allgemeinen Menschenliebe und des ewigen Völkerfriedens.