Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1912
- Date
- 1912-01-01
- Page
- – (sequence 54)
- Language
- German
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- 56 - — was in jüdischen Kreisen damals noch ganz ungewöhnlich war — selbst den ältesten Sohn zum Gymnasium gebracht, um ihn für das Studium der Medizin vorzubereiten; nicht auf Seiten seiner Glaubensgenossen gewahrte er die Widerstände gegen die Fortschritte unter den Juden, sondern in der Engherzigkeit der christlichen Behörden, die die Schulen leiteten1). Der Kampf, in dem damals soviel edle Kraft sich verzehrt hat, der Jünglinge von hoher Begabung dem Judentum entfremdet hat, war für Ludwig Philippßon nicht vorhanden, er kannte keine Verbitterung, er hatte als Vermächtnis seines früh heimgegangenen Vaters die Arbeit an seinem Volke, die allmähliche Hebung seiner Glaubensgenossen durch Förderung von Bildung und Humanität übernommen. Er sah das Judentum seiner Zeit nicht als Ideal an, der gesetzliche Geist mit seinem bis ins kleinste verarbeiteten Zeremonialwesen, seiner streng abgeschlossenen rechtlichen Anschauung war ihm nicht die herrlichste Blüte, die höchste Errungenschaft am Baume der Religion, aber es war eine notwendige Durchgangsstufe, es war die Leistung des Talmudismus, einer der vier grossen Epochen des Judentums2), die zeitlich ihre Berechtigung gehabt, eine wichtige Aufgabe in der Entwicklung der Religion erfüllt hatte. Zum Nachteil der religiösen Idee hatte sie entscheidenden Wert auf das Leben gelegt, das Gesetz als Rechtsache, nicht als Ausfluss des religiösen Gedankens entwickelt. Gegenüber dem Prophetismus, gegenüber dem Christentum, die nur Teile der mosaischen Glaubens- oder Sittenlehre ausgebildet hatten, steckte sich der Talmudismus das Ziel, das Judentum in der Zerstreuung zu schützen, die unbedingte Autorität des mosaischen Gesetzes und der überlieferten Volkssitte festzuhalten. Die Weltgeschichte verfolgt ihren vorgezeichneten Plan, sie bewegt sich in einer Bahn, die zum steten Fortschritt führt, in jeder Epoche sucht sie einen bestimmten Gedanken herauszuarbeiten, sie nimmt in verschiedenen Stufen verschiedene Gestalt an. Dem Judentum sind vier Epochen eigentümlich. Seine Grundlage bildet der Mosaismus, *) Das. S. 64. 2) Vgl. hierüber Pbil.'s Werk „Die Entwicklung der religiösen Idee im Judentum, Christentum und Islam" II. Aufl. 1872.