Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1912
- Date
- 1912-01-01
- Page
- – (sequence 53)
- Language
- German
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— 55 — Männer 1790 die Freischule, die als herzogliche Franzschule bis auf den heutigen Tag einen wohlverdienten Ruf geniesst. An der Schule wirkte als Lehrer Ludwigs Vater, Moses Philippson, ein durch deutsche Bildung nicht minder als durch jüdische Gelehrsamkeit ausgezeichneter Mann, ein Erzieher von warmer Liebe zur Jugend, von methodischem Geschick, dem der jüdische Eeligionsunterricht wichtige Anregungen verdankt; ein aufgeklärter Mann, der auf die Verbreitung jüdischer Bildung im modernen Gewände bedacht war und in Anknüpfung an Moses Mendelssohns bedeutsamste Tat Uebersetzungen und Erklärungen der Bibel veröffentlichte; ein Mann von schlichter Frömmigkeit, streng auf dem Boden des Herkommens, aber stets bestrebt, den überlieferten Formen Geist einzuhauchen, sie mit Leben zu erfüllen, sie als Vermittler religiöser Empfindungen nutzbar zu machen. Die Gemeinde Dessau und vor allem ihre Schule wurden ein Mittelpunkt der jüdischen Aufklärung, hier wurden die ersten Neuerungen im Gottesdienste durchgeführt, die sich zumeist auf die Herstellung der äusseren Würde und Ordnung bezogen, hier wurden die ersten regelmässigen deutschen Predigten gehalten, hier die erste jüdische Monatsschrift in deutscher Schrift und Sprache begründet, Sulamith, eine „Zeitschrift für Beförderung der Kultur und Humanität unter der jüdischen Nation"1). Man muss sich die Umgebung, in der Ludwig Philippson seine Jugend verbracht, seine erste Ausbildung genossen hat, gegenwärtig halten, denn hier liegen wichtige Momente seiner religiösen Entwicklung. Von der frühesten Kindheit an lernte er das Judentum nur in einer schönen, veredelten Gestalt kennen, wurde er zu einer Gottesverehrung in erhabenen Formen mit tiefem religiösem Gehalt erzogen. Er kannte keinen Konflikt mehr zwischen dem Judentum und dem modernen Kulturleben. Sturm und Drang, wozu seine milde und versöhnliche Natur ohnehin nicht stark neigte, waren ihm erspart, denn der Ausgleich hatte bereits vor seiner Zeit stattgefunden. Er kannte keinen Konflikt mehr zwischen Judentum und moderner Bildung, hatte doch sein Vater x) Vgl. Moses Philippsons Biographie von Ph[öbus] Philippson in Biographische Skizzen I, Leipzig 1864. Dort sind auch die Verhältnisse in der Pessauer Gemeinde eingehend geschildert.