Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1911
- Date
- 1911-01-01
- Page
- – (sequence 74)
- Language
- German
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— 74 — Von grosser Wichtigkeit ist seine Stellung zur Tradition, oder besser: seine Auffassung der Tradition. „Die Tradition ist die Kraft der Entwickelung, welche im Judentum fortdauert als eine unsichtbar schöpferische, als ein gewisses Etwas, das niemals seine volle Ausprägung erhält, aber immer wirkt und schafft. Die den Körper belebende Seele ist innerhalb des Judentums die Tradition, sie ist die ebenbürtige Tochter der Offenbarung. Sie schwand nie und wird nicht schwinden innerhalb des Judentums, sie ist der Quell, der die Zeiten immer befruchtet und bei jeder Berührung mit der Aussenwelt, je nach dem Bedürfnisse, neu gestalten muss." Diese Continuität zwischen Vergangenheit und Gegenwart herzustellen zur Anbahnung einer glücklicheren Zukunft, gilt nun seine wissenschaftliche Tätigkeit als Historiker, als Sprach- und Bibelforscher, als Erforscher der talmudischen Tradition, als Apologet des Judentums und als Jugendbildner. Lassen Sie mich wenige Worte seiner wissenschaftlichen Tätigkeit widmen. Nirgends offenbart sich in so ausgeprägter Weise sein tendenziöses Eindringen in die jüdische Vergangenheit, als in seiner Eigenschaft als Historiker. Damit will ich aber durchaus keinen Tadel aussprechen. Im Gegenteil. Gerade die Tendenz, die seiner Geschichtsschreibung zu Grunde liegt, macht dieselbe so bedeutungsvoll. Als Mann der Wissenschaft sammelt er sein Material aus allen Ecken und Enden. In gewissenhafter Weise besorgt er die Kleinarbeit, dann gestaltet er und urteilt aus seiner Persönlichkeit, aus seiner fest gewordenen Lebensanschauung heraus. Ihm war die jüdische Geschichte Offenbarung des jüdischen Geistes und diesen Geist aus seinen Fesseln zu befreien, dazu fühlt er sich als Historiker berufen. Nicht allein im Zeitalter des Werdens unserer Religion, in dem die heilige Gottesflamme blitzartig die Propheten erleuchtete, sondern auch in der tiefsten Nacht des Mittelalters sieht er glänzende Sterne am Firmamente des Judentums leuchten und er führt sie uns in herrlicher Schöne vor, wie er sie mit seinem geistigen Auge geschaut. Er zeigt uns z. B. in dem Gaon Saadia, den Bekämpfer des Buchstabenglaubeng der Karäer, den Uebersetzer der Bibel