Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1911
- Date
- 1911-01-01
- Page
- – (sequence 73)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2273546-2273603--1623-2275407- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— 73 — Und doch hat nicht Jeremias, sondern der Priesterprophet Ezechiel recht hehalten. Er hat Schule gemacht und nicht Jeremias. In seinem Geiste hat der Schriftgelehrte Esra das Judentum als Religion der Schrift erhalten. — Und wer wird es wagen, die weltgeschichtliche Bedeutung dieses zweiten Moses, wie Esra genannt wurde, zu verkleinern. War es doch der von ihm geschmiedete Panzer, der Israels Religion in dem Kampfe mit dem Heidentum beschützt und bewahrt hat! — Wer aber wird andererseits einen Makel finden wollen an dem spiegelreinen Charakter des Idealmenschen Jeremias, weil er sich nicht in die Gegenwart schicken, weil er den breiten Volksschichten nicht Concessionen machen wollte, machen konnte. — Tatsache ist, dass in der Gegenwart nur die Richtung siegt, die dem Augenblicksbedürfnis am besten entgegenkommt, die bestimmte fassliche Regeln gibt und greifbare Resultate liefert. — Solche Siege zu erringen haben die Propheten nicht verstanden, darum blieb ihre Lehre eine Saat auf die Zukunft. Ihr Jünger Abraham Geiger hat sich ebenfalls nicht auf solche momentane Siege verstanden. Darum ist auch er mit seinem Lebenswerk nicht durchgedrungen. In den Kämpfen der Gegenwart haben vielmehr diejenigen Richtungen, äusserlich wenigstens, gesiegt, die der seinigen entgegengesetzt waren: die Neuorthodoxie seines Antipoden Samson Raphael Hirsch und die Vermittlungstheologie des grundgelehrten und sehr klugen Kenners der Bedürfnisse der breiten Schichten des Volkes: Zacharias Frankel. — Allein die Zukunft, sie wird, sie muss zum Prophetengeist sich bekennen und ihr bleibt es vorbehalten, in Geiger einen berufenen Träger dieses Geistes zu erkennen und zu würdigen. — Geiger vertieft sich demnach nicht in die Wissenschaft des Judentums, um ein neues System dem alten entgegenzusetzen. Ihn treibt es vielmehr, den Geist zu wecken und zu entdecken. Darum spürt er in allen Epochen der jüdischen Geschichte diesem Geiste nach, von dem er überzeugt ist, dass er nie zu wirken in Israel aufgehört hat. Ueberall entdeckt er ein Werden, Wachsen und Reifen, das von einem höheren Willen bewegt wird und zu einem grossen Ziele hintreibt, zur Befreiung der Menschheit durch JsraeJ.