Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1911
- Date
- 1911-01-01
- Page
- – (sequence 72)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2273546-2273603--1622-2275406- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
- 72 — Zum tieferen Verständnis seines Lebenswerkes drängt sich eine Parallele auf, die ich nur kurz erwähnen kann. Ich denke an die verschiedene Stellung, die Jeremias und Ezechiel zu dem unter König Josia gefundenen Gesetzbuche eingenommen haben. — Hier hat Israel zum ersten Male ein offizielles Glaubensbekenntnis erhalten, hier ist zum ersten Male der Versuch gemacht worden, die Frömmigkeit in bleibenden, bindenden Formen und staatlich geschützten Sätzen zusammenzufassen. Und die Kultusreform, die der fromme König Josia durchgeführt, sie hat dem Werke die Krone aufgesetzt. Alle waren zufrieden bis auf einen. ÜDd dieser eine war kein Geringerer als der Prophet Jeremia. Mit glaubensstarkem Mut bekämpft er die Ueberschätzung der Kultusreform. Ihn blendet nicht der Glanz des Tempels mit seinen Levitenchören und den Hekatomben von Opfern. Mit prophetischem Blick sieht er in der Tempelfrömmigkeit die Keime des Verfalles der Religion Israels. Ja, er geht soweit, dass er dem Volke zuruft: „Vergeblich ist's, wenn ihr sprechet: Weise sind wir, und das Gesetz des Ewigen ist bei uns, fürwahr, zum Betrug hat es der trügerische Griffel der Schriftgelehrten gemacht." — Die Wiedergeburt des Volkes erwartet der Prophet von einem ganz andern Gesetze: „Fürwahr, sagt er, es kommt die Zeit — ist der Spruch des Ewigen, da will ich mit dem Hause Juda einen neuen Bund schliessen, nicht wie der Bund war, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Aegypten wegzuführen, welchen Bund mit mir sie gebrochen haben, obgleich ich doch ihr Eheherr war — ist der Spruch des Ewigen. Vielmehr darin soll der Bund bestehen, den ich nach dieser Zeit mit dem Hause Israel schliessen werde — ist der Spruch der Ewigen: „Ich lege mein Gesetz in ihr Inneres und schreibe es ihnen ins Herz, und so will ich ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein. Fürderhin sollen sie nicht mehr einer den andern oder ein Bruder den andern also belehren: Erkennet den Ewigen! Denn sie werden mich allesamt erkennen, vom Kleinsten bis zum Grössten — ist der Spruch des Ewigen." Hier feiert die Religion, die Menschheitsreligion, ihren höchsten Triumph. Höher ist kein Sterblicher gestiegen, als flieser Mann, der das Elend seines Volkes gesehen.