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Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin · 1911-01-01 · 1911 · page 71

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Journal
Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
Volume
1911
Date
1911-01-01
Page
– (sequence 71)
Language
German
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IRI
…/2273546-2273603--1621-2275405
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— 71 — auf den Zustand der Intelligenz und Wissenschaft, als dass ohne sie eine gründliche Reform vollständig gehofft werden kann." Mit diesen Worten gibt er seinem energischen Wollen einen unzweideutigen Ausdruck.—Freie Wissenschaft zunächst imDienste der Reform! Das ist die Richtschnur seines Lebens geworden, dem er fortan sein Sinnen und Denken weiht. Das ist sein Programm, an dem er bis zu seinem letzten Atemzuge festgehalten, das er mit seinem Herzblut verteidigt und das er uns als heiligstes Erbe hinterlassen. Ich spreche von einer Richtschnur, von einem Programm, nicht aber von einem System. Nein, ein religiöses System hat uns der systematische Denker und Reformer Abraham Geiger nicht hinterlassen. Allein, gerade darin besteht seine Grösse und seine Bedeutung für die Zukunft. Sie werden mich besser verstehen, wenn ich an das Wirken der Propheten erinnere. Die eigenartige Grösse dieser genialen Religionslehrer besteht eben darin, dass sie ihre Verkündigung der Gottesoffenbarung nicht in ein System gebracht haben. Das haben wohl die Priester getan, nie aber die Propheten. Festgewurzelt in Gott verkündeten sie seinen heiligen Willen, das Sittengesetz, allen Menschen .und allen Zeiten. Und wenn in Israel nur allzu oft die Achse der Sittlichkeit verlegt wurde, so war das nicht der Propheten Schuld. Sie haben nie Buchstaben gezählt, nie formuliert, nie systematisiert. Früh und spät haben sie vielmehr die Gewissen geweckt und geschärft und auf Liebe und Gerechtigkeit als die einzigen Fundamente der Religion und Sittlickeit hingewiesen. Und so haben sie im Kampfe gegen die systematisierte Priesteiiehre Israels Religion entlastet und vereinfacht und sie zur Menschheitsreligion gemacht. Darum waren die Propheten nie Männer der Gegenwart. — Hier haben Sie Abraham Geiger's Vorbilder. Mit glaubensstarken Mut hat er den Finger gedrückt auf die schlimmste Wunde der Religion Israels, wie sie in der Gegenwart allenthalben sich offenbart: auf seine Formenstarrheit, auf seine Werkheiligkeit, auf den Mangel an Glaubensinnigkeit. Den Propheten gleich hat er den Geist geweckt, die Gewissen geschärft und auf das Ewigbleibende, menschheitbeglückende in der Religion Israels hingewiesen.

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